OASIS-Projekt gegen Internetsucht: Schon 10.000 Beratungen, mehr Webcam-Counseling geplant

„Im Rahmen von webcam-basierten Sprechstunden möchten wir die Betroffenen dort abholen, wo die Sucht ihren Anfang genommen hat: im Internet selbst“, beschreibt Bert Theodor de Wildt, OASIS (Online-Ambulanz-Service für Internetsüchtige)-Projektleiter, Ärztlicher Psychotherapeut und Leiter der Ambulanz der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Ruhr-Universität Bochum im Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) seine Pläne für die Weiterentwicklung des im September 2016 gestarteten Projekts. Es hat bislang etwa 10.000 Süchtige über 14 Jahren beraten, Angehörige wenden sich eher seltener an die Stelle. Wer meint, er oder sie könnte internetsüchtig sein, kann online auf der Website der Beratungsstelle einen Test absolvieren. Suchtverdächtige absolvieren zunächst zwei 50minütige Online-Sprechstunden, ehe sie sich persönlich in einer der Fachambulanzen deutschlandweit vorstellen, an die sie bei Bedarf vermittelt werden. Internetsucht wird von den Krankenkassen noch nicht eindeutig als Erkrankung anerkannt.

IEEE P7000: IT-Community will Ethik in Software designen

Nachdem die Welt langsam begreift, dass AI, Big Data und IoT nicht automatisch zur besten aller Welten führen, beginnen nun endlich auch in der Technologie-Community substantielle Aktivitäten, um dafür zu sorgen, dass Ethik bei der Erstellung intelligenter Software und autonomer Gerätschaften von Anfang an mitgedacht wird. Das ist eine große Chance, könnte es doch verhindern, dass eingefleischte Vorurteile (gegen Religionen, Ethnien und „Rassen“, sexuelle Orientierungen und Identitäten, Behinderung oder sonstwas) sich am Ende so tief versteckt in Algorithmen wiederfinden, die beispielsweise über Kredite oder Wohnungsvergaben entscheiden, dass wir sie kaum wieder herausbekommen. Neben Gesetzesinitiativen, wie sie jetzt Bundesinnenminister Heiko Maass anstrebt und deren Effizienz herzustellen schwierig sein dürfte, so lange sie nicht auf internationalen Abkommen beruhen, gibt es nun Anstrengungen der Tech-Community, allen voran der IEEE. Sie arbeitet mit der P7000-Familie an einer ganzen Serie von Standards zum ethischen Systemdesign besonders autonomer Systeme und AI-Algorithmen. Anders als viele andere Standards sollen die Arbeitsergebnisse zumindest teilweise frei unter Creative-Commons-Lizenz verfügbar sein. Über den aktuellen Stand der Dinge informiert eine frei zugängliche Broschüre, die jährlich erneuert wird. Ausdrücklich forderte Kay-Frith Butterfield, die an führender Stelle an der Organisation des Standardisierungsprozesses beteiligt ist, zur Mitarbeit auf – derzeit sind einige Arbeiten offen für die Kommentierung. Grundsätzlich sei jeder Technologie- und Ethikexperte qualifiziert, mitzumachen – wichtig sei dies besonders für Junge, denn sie müssten in der Welt leben, die nun designt würde, sagte sie auf einem im Münchner Deutschen patent- und Markenamt anlässlich eines weltweiten Kongresses zum Thema „Ethisches Design für Industrie 4.0“. Also, auf ans Werk!

Summary:IEEE P7000 Working Group is working on standards for ethical IT systems design with respect to AI and autonomous vehicles. Work shall be at least partly feely available under a Creative Commons license. Freely downloadable: A brochure supposed to be reworked every year containing the state of the art.

Umwelthoffnung Additive Fertigung

Die Additive Fertigung – die Herstellung von Teilen (vom Ersatzteil bis potentiell zur fertigen Maschine) durch Laserdruck nach dreidimensionalen CAD-Plänen – könnte in einigen Jahren die Fertigungstechnik revolutionieren. Denn sie spart Unmengen an Material und auch an Transporten. Ersatzteile zum Beispiel können mit der Technologie aus dem entsprechenden Materialpulver direkt vor Ort gedruckt werden. Außerdem werden neue Designs möglich, die sich heute schlicht aus Gründen der Fertigungstechnik nicht oder nur übermäßig teuer realisieren lassen, beispielsweise Werkstücke, bei denen ein Teil kompliziert mit einem anderen verschränkt ist oder sehr unregelmäßige Flächen hat. Ein Beispiel dafür gab es bei GE Digitals Tagung Minds + Machines in Berlin zu sehen. Gezeigt wurden (siehe Bild) der massive Materialblock, aus dem das entsprechende Werkstück herausgefräst wurde, die dabei anfallenden Späne und das Werkstück selbst. Gleichzeitig präsentiete GE dasselbe Werkstück gedruckt – durch diese Methode war eine etwas andere Form möglich – zeigte die vergleichsweise winzige Menge Pulver, aus dem der Druck entstanden war und den zustande gekommenen Produktionsabfall, vor allem einige Grate, die nach der Produktion entfernt worden waren. Die Kapazität der Laserkammern, in denen gedruckt wird, ist zwar noch nicht so hoch, soll aber steigen. GE Digital bringt demnächst ein Gerät mit einem Kubikmeter Fassungsvermögen auf den Markt – prinzipiell sind nach oben keine Grenzen gesetzt, doch liegen die Probleme hier wohl wahrscheinlich im Detail. Das auf der Veranstaltung gezeigte Gerät, mit dem GE während der Veranstaltung ein Emblem mit seinem Logo drucken ließ, um die Technik zu demonstrieren, verbraucht nur 200 Watt.
Warm anziehen müsste sich in Zeiten der additiven Fertigung wohl aber der deutsche Maschinenbau. Der verkündet zwar den forcierten Einstieg in optische Technologien, doch senkt die additive Fertigung grundsätzlich die Einstiegsbarrieren in die Branche, so dass es gut möglich ist, dass in einigen Jahren auch in bisher auf diesem Markt wenig sichtbaren Ökonomien neue Unternehmen auftauchen, die sich das zunutze machen.

Euroforum: Wer profitiert am meisten von der Digitalisierung der Energiebranche … na? ahnen Sie es schon?…

Heute kam mit der Mail eine neue Studie über die Digitalisierung der Energiewirtschaft von Euroforum, die meinen ohnehin bestehenden Verdacht bestätigte: Von der Digitalisierung der Energiebranche werden nach der Einschätzung etwa 80 Befragten aus der Energiewirtschaft wohl am ehesten nicht etwa Energieprovider oder ihre Kunden profitieren sondern – Surprise, Surprise! – Internetprovider und die IT-Branche. Gegen letzteres wäre nichts einzuwenden, wenn die Energiekunden bei der Nennung der Profiteure vorn gestanden hätten. Aber nein, sie werden „nur“ (mit 27,2 Prozent Nennungen) gleichauf genannt mit den IT-Herstellern erwähnt, auf Platz 3 liegen mit 23,5 Prozent die Internet-Konzerne. Nimmt man also das IT-Thema zusammen, dann tauchen in etwa 60 Prozent der Nennungen IT-nahe Akteure als die großen Gewinner auf, während nur etwas mehr als ein Viertel die Anwender nennen, denen das Ganze eigentlich am Ende dienen sollte. Ob die Digitalisierung der Energiebranche der Nachhaltigkeit, den Erzeugern Erneuerbarer Energien oder der CO2-Bilanz dient, danach wurde erst gar nicht gefragt, dabei ist das Smart Grid ja vor allem dadurch inspiriert, dass man flukturierende, erneuerbare Energiequellen, also: Sonne und Wind, ins Energiesystem einbeziehen und gleichzeitig die gewohnt hohen Verfügbarkeiten aufrecht erhalten will.
Als wichtigste Vorbilder bei den Digitalisierungsanstrengungen wählen sich die befragten Manager vor allem ausgerechnet die von Kapazitätsengpässen (ich sage nur Breitband in Deutschland), Hacking-Zwischenfällen und anderen Plagen heimgesuchte TK-Branche (70,4 Prozent Nennungen) und die von uns allen heiß geliebte (ich sage nur: Deutsche Bank, Finanzkrise, durch Hochfrequenzhandel verursachte Abstürze der Börse, und wie die Banken immer wieder von Hacking betroffene „alternative Anbieter“) Finanzindustrie. Das lässt Schlimmes für die Zuverlässigkeit und Kundenfreundlichkeit des Stromnetzes erwarten, schließlich kennen wir alle die nervigen Endlos-Telefonschleifen, wenn mal was nicht geht, abstürzende Router, scheiternde Internet-Logins und ähnliche Erscheinungen.
Ein Trost bleibt: Von der flächendeckenden Digitalisierung auch des banalsten Haushaltsgeräts als Gewinnquelle scheint man sich seitens der befragten Energiemanager endlich zu verabschieden – in einer Liste der zehn wichtigsten Digitalisierungsthemen der Energieindustrie landeten Energiespeicher ganz oben, das Smarthome aber auf Platz 9. Das sähen Vertreter der IT-industrie und Internet-Branche, die uns inzwischen digitalisierte Haarbürsten zu verkaufen trachten, hätte man sie befragt, wohl anders (vgl. hier). Wer die ganze Studie lesen will, findet sie hier

Greenpeace: Miserable Umweltbilanz bei Smartphones, bessere bei Internetprovidern

In den 10 Jahren seit 2007 wurden mehr als 7 Milliarden Smartphones produziert. 78 Prozent der aktuellen Smartphone-Käufe entfallen laut Greenpeace auf Wiederkäufer, die ihr altes Gerät, meist noch funktionsfähig, verschrottet haben – die durchschnittliche Gebrauchsdauer pro Nutzer liegt bei etwa zwei Jahren. In einem neuen Bericht fasst Greenpeace nun die Umweltwirkungen dieser Lawine zusammen: gefährliche Arbeit in den Rohstoffminen, gefährliche Chemikalienexpositionen der in der Produktion Beschäftigten, hoch energieintensive Produktionsprozesse und Berge von Elektronikschrott wegen schnellen Gerätewechsels. Einige bisher nicht ersetzbare Materialien sind rar, beispielsweise liegt die derzeitige Reichweite von Indium, einer Seltenen Erde, bei 14 Jahren. Die derzeitigen Recycling-Prozesse, die ohnehin nur geschätzte 16 Prozent des gesamten Elektronikmülls erfassen, können viele Spurenelemente überhaupt (noch) nicht zurückgewinnen. Nach Daten der United Nations University wurden 2014 drei Millionen Tonnen Elektroschrott durch Kleingeräte erzeugt, zu denen Smartphones einen wesentlichen Anteil beitrugen.
Drei Viertel des Energieverbrauchs und damit auch des Kohlendioxid-Footprints eines Smartphones fallen bereits während der Produktion an. Für Smartphone-Produktion wurden bisher etwa 970 TWh Strom verbraucht, entsprechend etwa dem derzeitigen Stromverbrauch Indiens pro Jahr. Nur zehn Prozent dieser Energie stammt derzeit aus erneuerbaren Quellen.
Greenpeace fordert, den Materialaufwand durch Kreislaufführung der Produktions- und Recyclingprozesse zu verringern und gefährliche Materialien durch andere zu ersetzen. Außerdem sollen Smartphonehersteller reparaturfreundliche Geräte bauen und Ersatzteile bereithalten, so dass bei Defekten nicht gleich das ganze Gerät ausgetauscht werden muss. Hinsichtlich des Energieverbrauchs bei der Produktion fordert Greenpeace, das Hersteller über ihren Klimagas-Ausstoß berichtspflichtig werden und sich Reduktionsziele setzen, die sie zum Beispiel durch den Umstieg auf erneuerbare Energiequellen erreichen können.
So miserabel die situation bei der Smartphone-Fertigung und – nutzung ist – es gibt auch Bereiche, in denen sich etwas tut: Viele große Cloud-Provider steigen auf Renewables um. Hierfür hat Greenpeace ein Ranking im rahmen seines Berichts über die Umweltfreundlichkeit von Internet-Unternehmen entwickelt, das Apple anführt. Der Hersteller und Cloud-Provider verwendet in seinen Cloud-Rechenzentren insgesamt nur 14 Prozent Strom aus nicht erneuerbaren Quellen. Auf Platz 2 und 3 liegen Facebook (67 % Renewables) und Google (56 % Renewables). Weit hinten unter den großen Cloud-Providern rangiert übrigens AWS mit nur 12 Prozent Erneuerbaren-Anteil. Deutsche Provider, etwa die Telekom, kommen in dem Ranking leider nicht vor.

Reale Kriegsgefahr durch Cyberabwehr?

In den vergangenen Tagen geisterte durch die Gazetten, die Bundesregierung plane, bei Cyberangriffen zurückzuschlagen und die angreifenden Server zu vernichten, und zwar auch dann, wenn sie (wie wohl meistens) im Ausland stehen. So berechtigt und notwendig das Anliegen ist, Cyber-Angriffe konsequent abzuwehren, indem man die eigenen Systeme wasserdicht macht (und beispielsweise technisch unbedarfte Politiker nicht mit ungeschützten Privathandies ihre Amtsgeschäfte regeln lässt), so riskant ist eine Hack-back-Strategie.
Natürlich sind Wut und Rachedurst sowie der Wunsch, die eigene gleichrangige Kompetenz zu demonstrieren in solchen Situationen sehr verständlich, nutzen sie aber am Ende wirklich? Immerhin besteht das Risiko, dass einer der Beteiligten irgendwann und vielleicht sogar unangekündigt vom Cyber- zum Physical War übergeht. Sinnvoll wären solche Gegen-Attacken allenfalls, wenn es sich mit Sicherheit bei den Angreifern um banale Hacker handelt, die beispielsweise versuchen, einen Staat durch Bedrohung seines Smart Grid zu erpressen. Aber oft genug ist es ja gar nicht möglich, das sauber auseinanderzuhalten. Und manchmal kommt der Angreifer vielleicht auch aus den eigenen Reihen. Stuxnet beispielsweise, angeblich ein Produkt von US- und israelischem Geheimdienst, verseuchte nicht nur Siemens-Steuerungen im Iran, sondern am Ende auch viele andere, weil die Urheber die Ausbreitung des Geistes aus der Flasche nicht vollständig kontrollieren konnte.
Bei der versehentlichen Auslösung von physischen Kriegshandlungen durch Hack Back kann Westeuropa nur verlieren. Was es bedeutet, sich selbst zum Schlachtfeld zu machen, hat Europa in zwei Weltkriegen während des 20. Jahrhunderts eindrucksvoll erfahren. Daraus den Schluss zu ziehen, man solle mit den gleichen Mitteln zurückschlagen, sich also nicht auf Verteidigung beschränken, wenn man im Cyberspace angegriffen wird, scheint mir ein Hasardeurspiel. Denn im Zweifel ist über die Ausrufung des Bündnisfalles der Weg zu einer weltweiten kriegerischen Auseinandersetzung nicht weit. Der einzig sinnvolle Umgang mit derartigen Cyber-Risiken besteht darin, die Sicherheitsvorkehrungen zu verbessern und vernünftigerweise nicht jede sicherheitsrelevante Infrastruktur auf Gedeih und Verderb auf nun mal unsichere Internet zu legen, auch wenn das einigen ökonomischen Blütenträumen den Garaus machen würde. Das Stromnetz gehört auf eine abgetrennte Infrastruktur, genau wie die Verkehrsnetze etc. Und sprechende Kühlschränke, Haar- und Zahnbürsten, die unsere Daten über das Internet an werweißwen weitergeben und uns (im Falle der Haarbürste) darüber belehren, wie wir unsere Haare bürsten sollen, braucht sowieso keiner. Ich nehme übrigens einen Kamm, der ist (noch) zu klein für ein intelligentes Innenleben.

Orwell live: Schwedische Firma chippt Mitarbeiter

Was für Hasso und Fifi gut ist, kann für Arbeitnehmer ja nicht schlecht sein: Was zuvor allenfalls auf der Cebit als Demo-Projekt zu besichtigen war, ist nun Wirklichkeit: Ein schwedisches Unternehmen chippt seine Mitarbeiter. Alles freiwillig bisher, natürlich. Fragt sich wie lange und wie stark der soziale Druck bzw. die auferlegten Unbequemlichkeiten für Verweigerer werden. Lustig wirds, wenn der oder die liebe KollegIn sich verabschiedet. Dann gehts wahrscheinlich zum chirurgen. Wohl bekomms!

Neues von der Digitalisierung im Spiegel und anderswo

Der Spiegel bringt in seiner aktuellen Ausgabe (14/2017) endlich mal eine nachdenkliche Geschichte über Digitalisierung, in der unter anderem die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Risiken der Digitalisierung thematisiert werden. Zwei werden jedoch geflissentlich übersehen: die Umweltrisiken und die systemischen Risiken.
Denn im Moment steht tatsächlich der Beweis noch aus, dass IT tatsächlich GLOBAL den CO2-Ausstoß senkt und nicht nur unseren, indem wir dreckige Produktion und Rohstofferzeugung sowie das Ende der Verwertungskette (Elektroschrott) systematisch woandershin auslagern. Und die gesamte durchdigitalisierte Welt fußt auf einer so komplexen Infrastruktur, dass jede größere Verwerfung der Strukturen möglicherweise das gesamte Gebilde ins Wackeln bringt. Es wäre schön gewesen, wenn auch diese Inhalte Eingang in die Berichterstattung gefunden hätten. Vielleicht wird`s ja noch.
Ziemlich unsäglich allerdings der zig Seiten lange Einhefter des Landees Bayern zum Thema Digitalisierung. Denn hier sind sogar echte Fake News eingestreut. Steht dort doch tatsächlich im Leitartikel der erstaunliche Satz: „Die digitale Innovation ist wie ein Klimawandel, den man staatlich nicht kontrollieren kann. Also muss man die Gesellschaft darauf vorbereiten.“ Gesagt hat`s Prof. Manfred Broy, der das Zentrum Digitalisierung Bayern leitet, eine neu gegründete bayerische Digitalisierungs-Propagandaschmiede. Denn beides – Digitalisierung und Klimawandel – ist vom Menschen gemacht und nicht etwa vom lieben Gott oder mysteriösen anderen Quellen, und muss infolgedessen vom Menschen verantwortet und gesteuert werden, was weit mehr ist als „die Gesellschaft darauf vorzubereiten“ wie auf einen Meteoriteneinschlag oder eine Überflutung aufgrund Regenguss. Dann der Sprachgebrauch: Broy spricht von „ein Klimawandel“ , als gäbe es davon beliebig viele. Damit verharmlost er, wie schwerwiegend und umfassend das Problem ist. Weil die meisten Politiker (anscheinend nicht aber Prof. Broy, aber der ist ja auch Digitalpropagandist) das beim Klimawandel inzwischen begriffen haben, treffen sie sich alle kurze Zeit , um zu vereinbaren, wie man den Klimawandel vorzugsweise durch weniger Ausstoß klimaschädlicher Gase eindämmen kann, was durchaus größere gesellschaftliche Umwälzungen bedeutet wird. Um dafür die Grundlage zu schaffen, ist das weltweite Klimaabkommen da, und das belegt genau das Gegenteil von Broys Behauptung, dass die Staaten nämlich durchaus Einfluss und eine steuernde Verantwortung für das Phänomen haben. Dass sie diese Verantwortung möglicherweise zu spät erkannt haben und in Handeln umsetzen, steht auf einem anderen Blatt, ändert aber am Faktum rein gar nichts. Das ist ziemlich unbequem, weil es unser Wachstumsmodell in Frage stellt. Da ist es schon einfacher, das Ganze als nahezu mythologische, unabwendbare Kraft zu betrachten, auf die man die Gesellschaft mehr schlecht als recht vorbereitet, so lange es nicht zu viel kostet und den anderen Himmelsmächten wie der Digitalisierung nicht in den Weg gerät, wie Broy es suggeriert. Nur wenige Machthaber und kaum ernstzunehmende Wissenschaftler verweigern sich inzwischen der Einsicht in die Notwendigkeit steuernder Maßnahmen, um das Klima zu stabilisieren. Der mächtigeste unter ihnen ist Donald Trump. Aber der behauptet ja auch weiter steif und fest entgegen allen Fotobeweisen, zu seiner Amtsübernahme seien mehr Menschen gekommen als zu der von Obama.
Im Radio durfte ich weiter hören, die Bundesregierung habe nun endlich ein Gesetz zum autonomen Fahren verabschiedet. Dessen Verantwortungsverteilung ist allerdings schlichtweg unsinnig: Nicht etwa die Softwarefirma soll für ihren Fahrassistenten verantwortlich sein oder der Autohersteller, der sie einbaut, sondern der Fahrer, obwohl er mit den Entscheidungen dieses Softwarestücks (das wie alle anderen komplexen Softwares dieses Planeten wohl fehlerbehaftet sein dürfte) nichts zu tun hat. Der Fahrer oder die Fahrerin soll in jeder Sekunde in der Lage sein, das Steuer zu übernehmen. Hoffentlich kann er (oder sie) sich schnell genug vom Smartphone, der Spielekonsole oder dem Lesestoff lösen, denn mit dergleichen werden sich die Menschen wohl beschäftigen, wenn sie in ihren selbstfahrenden Karossen dahindösen. Das tun sie ja schon heute, obwohl die Autos mitnichten selbst fahren, und erhöhen dadurch die Zahl der Unfälle.
Wie schön für die Softwarefirmen und Autohersteller, dass sie wieder mal nicht in die Verantwortung genommen werden. Das steigert sicher das Wirtschaftswachstum. Denn nicht nur jedes verkaufte Auto und jede verkaufte Software schlagen positiv zu Buche, sondern auch jeder Unfall, weil ja repariert, gerettet, neu angeschafft oder geheilt werden muss. Ich würde so ein Ding nicht fahren, es sei denn, die Software übernimmt auch die Verantwortung für ihre Taten und ich habe wirklich meine Ruhe. Bis dahin döse ich viel gemütlicher in den Öffentlichen. Übrigens finden auch die Verbraucherverbände die gewählte Verantwortungsverteilung unfair. Man darf gespannt sein, wann der erste Fall vor dem obersten Gericht landet und wie das entscheiden wird.

Über die Social-Media-Irren

Heute morgen härte ich im Radio einen Bericht über einen Youtube-Star mit 2 Millionen Followern, der in Augsburg unter Missachtung aller Verkehrsregeln ein ziemliches Chaos angerichtet hat, weil er überall unerwartet mit seinem Tourbus auftauchte, dort jeweils seine Fans verrückt machte und dann wieder davonbrauste, ohne irgendwelche Geschwindigkeitsvorschriften zu beachten. Angemeldete Veranstaltung? Pustekuchen. Der Herr dünkte sich wohl wegen seiner Followermassen erhaben über Recht, Gesetz und die Verwaltungsbehörde. Verantwortlich nur denen gegenüber, die seine Filmchen im Web gut finden. Der Rest konnte ihm offensichtlich gestohlen bleiben.
Der Mann mag gegenüber Präsident Donald Trump ein kleines Licht sein, eines haben sie jedoch gemeinsam: Sie glauben, die von ihnen künstlich erzeugte Realität in den sozialen Medien entspräche eins zu eins dem, was sich in der physischen Welt abspielt, und wenn es das nicht täte, könne man die Sache schnell in diese Richtung biegen, indem man nur ausreichend Filmchen produziert, Websites ins Netz oder auf Facebook stellt oder Tweets absetzt. So siehts ja hierzulande auch die AfD und alles, was mit ihr rechtswärts verbrüdert ist. Man schaffe ein paar Websites, Fachebook-Seiten und Twitters, verlinke sie untereinander, fülle sie mit Inhalten der eigenen Couleur, und schon ist das selbstgemachte geschlossene Weltbild fertig, in dem der Mensch vom Andromeda-Nebel stammt, die Grenzen des Deutschen Reichs fortgelten und so weiter und so fort.
Ein verheerender Irrtum – für die von ihm Befallenen und auch diejenigen, die sich mit den Social-Media-Gläubigen dann in der Real World auseinandersetzen müssen. Als da wären: Polizei, Ordnungsämter, Fußgänger, Staatsbürger aller Art (im Falle Donald Trump) und so weiter. Es wird dringend Zeit, die Sozialen Medien wieder mit der sozialen Realität so zu korrelieren, dass beide irgendwas miteinander zu tun haben. Von daher tut Regulierung not. Je eher desto besser.

IT-Marken setzen gemeinsam Sweatshops unter Druck

Nach dem Jahresbericht der Zertifizierungsorganisation TCO Certified für 2016 tragen die Bemühungen, soziale Kriterien und die Überwachung der gesamten Lieferkette voranzutreiben, langsam Früchte. TCO berichtete von Fortschritten auf mehreren Gebieten zwischen 2013 und 2016. 2014 war die derzeit aktuelle TCO-Version eingeführt worden, die zum erten Mal soziale Kriterien enthielt. Die zertifizierung nach TCO ist kostenpflichtig und freiwillig, zertifiziert werden Produkte wie Desktops, Laptops, Smartphones, Bildschirme oder Drucker -mittlerweile eben auch hinsichtlich ihrer Herstellungsbedingungen.

– 2016 gab es in keinem Unternehmen mehr offensichtliche Zwangsarbeit, Diskriminierung, Verletzungen der Kinderrechte und der Gewerkschaftsfreiheit – im Jahr 2013 weit verbreitete Erscheinungen. 14 Unternehmen verletzten noch immer Arbeitsrechte, aber in geringerem Umfang, zwei weiterhin Standards zum Arbeits- und Gesundheitsschutz.
– Nicht zur Zusammenarbeit zu bewegende Zulieferer, die mehrere Marken beliefern, die ihre Produkte von TCO zertifizieren lassen, schlossen sich zusammen und forderten von den Auftragsherstellern die Einhaltung beispielsweise von Arbeitsregeln. Durch ihre geballte Einkaufsmacht konnten sie die Zulieferer zu Verhaltensänderungen motivieren.
– Der Umgang mit Mineralien aus Konfliktregionen hat sich deutlich gebessert. 22 Unternehmen haben dazu inzwischen Reeln aufgestellt, 19 Firmen haben eine regionale Initiative zum Bezug konfliktfreier Rohstoffe. 18 Prozent nutzen einen von der OECD abgesegneten Due-Diligence-Prozess für die Auswahl der Mineralien bzw. Lieferanten von Mineralien.
– TCO beschränkt sich nicht mehr darauf, gefährliche Chemikalien auszuschließen, sondern hat eine Liste erlaubter Chemikalien ins internet gesttellt. Sie enthält Stoffe, die entsprechend der GreenScreen-Initiative für sichere Chemikalien mindestens der Gefährdungsklasse 2 angehören. Klasse 1 bezeichnet die giftigsten Chemikalien, 4 die verträglichsten.
– Mehr Unternehmen ergreifen eigenständige Initiativen, um Korruption und andere Mißstände zu beseitigen. 18 haben Prozesse, um Beschwerden der Mitarbeiter unter Vertraulichkeit entgegenzunehmen. Auch der Durchblick durch die Lieferkette wächst langsam – allerdings reicht er bisher nur bei zwei Unternehmen weiter als bis zum zweiten Schritt vor der Endmontage. Verbesserungswürdig ist auch noch immer die Zahl der Zeitarbeiter. Nur sieben Unternehmen halten hier einen Grenzwert von zehn Prozent der Mitarbeiter ein. Und wenn auch der Druck, sich nicht kollektiv zu organisieren, nachgelassen hat – aktiv unterstützen derzeit nur acht Unternehmen kollektive Verhandlungsstrategien und freie Gewerkschaften.