Social Media: Kannste knicken

Mit einem kleinen Büchlein hat ein profilierter Kritier des derzeitigen Digital(un)wesens, Jaron Lanier, dargelegt, warum er, um in seinem Jargon zu bleiben, die derzeitigen Sozialen Medien Scheiße findet. In seiner Schärfe kann man seine Kritik allenfalls mit der von Spitzner („Digitale Demenz“) oder der von Evgeni Morozov („Smarte Neue Welt“) stellen. Allerdings, und das gibt der Sache mehr Relevanz: Lanier guckt von innen. Er ist selbst einer der Pioniere der VR (Virtual Reality) und ist nach Jahren bei einer der Digitalkraken Nummer 1, Google, nunmehr zu Microsoft umgesattelt.
Und das ist vielleicht eine Schwäche seiner Argumentation, die sich vor allem gegen Google und Facebook als Monopolisten des Sozialen im Web richtet. Denn AWS, Microsoft und Apple reiht er in eine andere Liga ein – weil sie auch noch mit anderem ihre Geschäfte fundieren als mit den Daten ihrer Nutzer (AWS verkauft Bücher, Rechenleistung und bald alles, Microsoft versorgt Büros mit nützlichen oder weniger nätzlichen Softwaretools und Apple hat todschicke Rechner und Smartphones im Angebot, die man tatsächlich kaufen kann – doch dazu später).
Laniers Fundamentalkritik entzündet sich am Kern der Imperien von Google und Fachebook: daran, dass sie mit Algorithmen, die durch ihr gerade im richtigen Maße erratisches Verhalten das Dopaminsystem des Menschen triggern, ihre Nutzer damit zu Abhängigen machen. In diesem Zustand nun spuckt ein Nutzer durch seine permanenten Interaktionen mit den Plattformen Daten in beliebiger Menge aus, die sich wiederum in kommerziellen Erfolg der Plattformen umsetzen lassen, indem fein abgestimmte, oft banal anmutende, aber nachweislich wirksame Kaufanreize präsentiert werden oder indem man die Daten einfach meistbietend zur tiefergehenden Analyse an den verkauft, der gerade daran interessiert ist. Cambridge Analytika lässt grüßen.
So verlieren laut Lanier die Einzelnen die Kontrolle über die Informationen, da sie nur noch gezeigt bekommen, was sie nach Meinung der Plattform interessieren müsste. Ganze Gesellschaften unterliegen erheblichen Manipulationsrisiken durch diejenigen, die die Mechanismen der digitalen Werkzeuge am besten durchschauen und ihre Mittel am skrupellosesten einsetzen. Der Brexit lässt grüßen.
Lanier meint, des Pudels Kern liege darin, dass Soziale Medien im Interesse ihrer Inserenten arbeiten und nicht vor allem im Interesse ihrer Nutzer. Das ließe sich, so glaubt er letztlich, aushebeln, indem man sie komplett neu konzipiert und zum Beispiel für die Nutzer kostenpflichtig macht, weil dann die Plattformen in deren Dienst arbeiten würden. Vorerst rät er Anwendern, ihre Social-Media-Accounts samt und sonders zu kündigen und damit eine unmissverständliche Botschaft an die Sozialkraken überm Teich zu senden: So nicht. Gleichzeitig ist er aber klarsichtig genug zu erkennen, dass das für viele gar nicht möglich ist. Und dies nicht nur, weil der Arbeitgeber gern möchte, dass sein Mitarbeiter oder seine Mitarbeiterin im Web präsent ist. Sondern weil beispielsweise jedes Android-Handy einen zum Mitglied des Google-Stammes und jedes iPhone zu einem des Apple-Tribe macht. Tertium non datur, wie die Lateinerin sagt: Ein Drittes gibt es nicht, schade, Microsoft, dass Du die Alternative, die Dein Mobile immerhin darstellte, vom Markt genommen hast. Selbst, wenn es nicht so viele Apps dafür gab. Und das auch nur wieder wegen des schnöden Geldes.
Was ich an dem Buch besonders gut fand, ist, dass Lanier mit knappen Worten den KI-Mythos entlarvt. Ein Zitat: „Es ist völlig normal, einem Manager… dabei zuzuhören, wie er sich über die Möglichkeiten der kommenden Singularität auslässt, in der die KIs die Herrschaft übernehmen. … Das ist Schwachsinn. Wir vergessen dabei, dass KI eine Geschichte ist, die wir Kybernetiker vor langer Zeit erfunden haben, um an Forschungsgelder zu kommen… Damals war es eine Notlüge, aber inzwischen hat die KI sich selbständig gemacht und ihre Erfinder überholt. KI ist nur eine Phantasie, ein Märchen, das wir über unsere Programme erzählen.“ So isses, und viel mehr gibt es auch dazu nicht zu sagen. Zudem entwerteten KI-Verfechter menschliche Arbeit, sagt Lanier, indem sie menschliche geistige Leistung in Algorithmen eingeben und dann behaupten, der Algorithmus habe die intellektuellen Leistungen, die er abbildet, quasi selbst erarbeitet. Sein Beispiel sind Übersetzungsalgorithmen. Sie werden zwar immer beser – aber nur deshalb, weil sie täglich von den unzähligen Übersetzungen lernen, die menschliche Übersetzer leisten. Gerade da macht Microsoft übrigens leider überhaupt keine Ausnahme, Herr Lanier. Seine für Office 365 gelieferten Algorithmen zum Übersetzen dürften schon sehr bald die überwiegende Menge der Brot-und-Butter-Übersetzer, die ihr Geld mit im Wirtschaftsleben nützlichen Übersetzungsarbeiten verdienen, komplett arbeitslos machen.
Allerdings finde ich, dass Laniers Kritik auch anderswo zu kurz greift. Denn die Maßlosigkeit der Digitalgiganten ist eigentlich durch etwas anderes bestimmt als durch die Algorithmen: Durch die Idee, dass Größe und Gewinn mehr oder weniger der einzige Maßstab des Unternehmenserfolgs sind, dass Regulierung bäh ist, der Staat sich möglichst aus allem herauszuhalten habe, weil die Wirtschaft das dann schon selbst regelt und überhaupt das ganze neuliberale Blabla, mit dem wir in den vergangenen Jahrzehnten vom anderen Ufer des Teiches aus überschüttet wurden und das leider auch hier Früchte getragen hat. Erinnert sei an die oberpeinliche Werbekampagne eines Bankunternehmens, in dessen Zentrum schlicht das Wörtchen „ich“ stand (und das war keine Ausnahme).
Und auch Firmen wie Netflix (von Lanier als gutes Beispiel bezeichnet) schustern ihre Serien mit analytischen Mitteln zusammen – Ziel ist einzig, Anwender so lange wie möglich an der Glotze bzw. dem Bildschirm zu halten. Und Amazon hat sich schlicht vorgenommen, den Einzelhandel der Welt zu monopolisieren und gleichzeitig deren Ressourcen möglichst schnell zu verbrauchen, indem man nicht Verkauftes schlicht wegschmeißt, weil man sonst Umsatzsteuer dafür bezahlen müsste. Die pleitegegangenen Einzelhändler können ja dann zu Google-Auslieferungssklaven werden, ehe sie das selbstfahrende Googlecar auch noch überflüssig macht.
Kurz: Lesen und dran reiben. Lohnt sich.
Jaron Lanier: Zehn Gründe, warum du deine Social-Media-Accounts sofort löschen musst. Hoffmann & Campe-Verlag, München, 2018, gebunden, 204 Seiten, ISBN 978-3-455-00491-5

Ists möglich? Produktion direkt für die Tonne

Online-Services machen es möglich: Bestellen, zurückschicken, vergessen. Dass es Amazon trotz möglicherweise hocheffektiver Rechenzentren mitnichten darum geht, die Welt oder gar die Umwelt zu schonen, legte neulich der Spiegel offen: Amazon vernichtet massenweise zurückgesandte Waren – egal, ob es sich nun um Kühlschränke, Stereoanlagen oder Taschenbücher handelt. Hier zeigt sich der IT-technisch perfekt befeuerte ultimativ beschleunigte Konsumkreislauf: Heute gebaut, morgen verkauft, übermorgen rezykliert, alles Beiträge zum Wirtschaftswachstum und das ganz ohne lästige Gebrauchsphase zwischendurch, die doch nur den Wiedereintritt der verbrauchten Rohstoffe in den Kreislauf behindert und damit so gar nichts zum Wachstum beiträgt… Weiter so, Amazon. Eine echte grüne Empfehlung.

Eine neue Initiative für digitale Nachhaltigkeit

Der Bundesdeutsche Arbeitskreis für umweltbewusstes Management (B.A.U.M.) und die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) wollen dafür sorgen, dass IT und Digitalisierung nachhaltiger werden und dazu verwendet werden, nachhaltige Geschäftsnodelle zu entwickeln. Besonders konzentrieren sich die beiden Verbände auf den Mittelstand. Mittel zum Zweck ist eine neue Internetplattform, Nachhaltig.digital, auf der Wissenschaft und Praxis vernetzt, Lösungsansätze vorgestellt und Folgeaktivitäten angestoßen werden sollen. Letztlich will man damit dazu beitragen, dass durch die Digitalisierung verursachte Dematerialisierungseffekte nicht gleich wieder durch Rebounds, also Mehrverbrauch, wieder aufgefressen werden. Auftaktaktivität war ein Kongress, zu dem rund 100 „Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft“ erschienen, wie es in der Pressemeldung zur Plattform Nachhaltig.Digital heißt.
Bei einem Besuch auf der Seite zeigte diese sich noch recht leer, was allerdings wegen des frühen Stadiums des Projekts auch kein Wunder ist. Eine Komponente ist eine Deutschlandkarte, auf der Akteure und Erfolgsgeschichten um Nachhaltigkeit und Digitalisierung markiert werden, so dass man sie anklicken kann.
Ob das Projekt tatsächlich dazu führt, dass die deutsche Wirtschaft nachhaltiger wird, muss abgewartet werden. Dazu wäre wohl neben einer Website und gutem Willen auch nötig, über gravierende Veränderungen nachzudenken, die das Wirtschaftswachstum nicht unbedingt positiv beeinflussen, etwa auf einen Verzicht auf Fernflüge.

Deutsche Unternehmen schlecht auf EU-Datenschutzgrundverordnung vorbereitet

Zur Nachhaltigkeit in der IT gehört m.E. auch, dass man die Datenschutzrechte von Nutzern achtet. Dafür soll europaweit einheitlich ab Mai 2018 die EU-Datenschutzgrundverordnung sorgen. Doch um die Implementierung dieses Werks sieht es im Moment schlecht aus. 44 Prozent haben noch keine Mapnahmen ergriffen, 28 Prozent noch nicht einmal geplant. Kaum ein Unternehmen glaubt daran, dass die Konsequenzen von EU-DSGV-Verstößen schwerwiegend sein könnten, allenfalls vor reputationsverlusten fürchtet man sich stark.
– 36 Prozent wissen nicht, ob Daten an Dritte übertragen werden und welche
– 34 Prozennt kennen Löschfristen nicht
– 33 Prozent wissen nicht, welche Anwendungen Daten verarbeiten
– 27 Prozent wissen nicht genau, wer auf die Daten Zugriff hat
– und 23 Prozent wissen nicht, wo personenbezogene Daten gespeichert werden.

Auch wenn nur 251 Unternehmen befragt wurden, lässt das Ergebnis nur einen Schluss für alle Unternehmen zu, die von der EU-DSV betroffen sind: AN DIE ARBEIT!

OASIS-Projekt gegen Internetsucht: Schon 10.000 Beratungen, mehr Webcam-Counseling geplant

„Im Rahmen von webcam-basierten Sprechstunden möchten wir die Betroffenen dort abholen, wo die Sucht ihren Anfang genommen hat: im Internet selbst“, beschreibt Bert Theodor de Wildt, OASIS (Online-Ambulanz-Service für Internetsüchtige)-Projektleiter, Ärztlicher Psychotherapeut und Leiter der Ambulanz der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Ruhr-Universität Bochum im Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) seine Pläne für die Weiterentwicklung des im September 2016 gestarteten Projekts. Es hat bislang etwa 10.000 Süchtige über 14 Jahren beraten, Angehörige wenden sich eher seltener an die Stelle. Wer meint, er oder sie könnte internetsüchtig sein, kann online auf der Website der Beratungsstelle einen Test absolvieren. Suchtverdächtige absolvieren zunächst zwei 50minütige Online-Sprechstunden, ehe sie sich persönlich in einer der Fachambulanzen deutschlandweit vorstellen, an die sie bei Bedarf vermittelt werden. Internetsucht wird von den Krankenkassen noch nicht eindeutig als Erkrankung anerkannt.

IEEE P7000: IT-Community will Ethik in Software designen

Nachdem die Welt langsam begreift, dass AI, Big Data und IoT nicht automatisch zur besten aller Welten führen, beginnen nun endlich auch in der Technologie-Community substantielle Aktivitäten, um dafür zu sorgen, dass Ethik bei der Erstellung intelligenter Software und autonomer Gerätschaften von Anfang an mitgedacht wird. Das ist eine große Chance, könnte es doch verhindern, dass eingefleischte Vorurteile (gegen Religionen, Ethnien und „Rassen“, sexuelle Orientierungen und Identitäten, Behinderung oder sonstwas) sich am Ende so tief versteckt in Algorithmen wiederfinden, die beispielsweise über Kredite oder Wohnungsvergaben entscheiden, dass wir sie kaum wieder herausbekommen. Neben Gesetzesinitiativen, wie sie jetzt Bundesinnenminister Heiko Maass anstrebt und deren Effizienz herzustellen schwierig sein dürfte, so lange sie nicht auf internationalen Abkommen beruhen, gibt es nun Anstrengungen der Tech-Community, allen voran der IEEE. Sie arbeitet mit der P7000-Familie an einer ganzen Serie von Standards zum ethischen Systemdesign besonders autonomer Systeme und AI-Algorithmen. Anders als viele andere Standards sollen die Arbeitsergebnisse zumindest teilweise frei unter Creative-Commons-Lizenz verfügbar sein. Über den aktuellen Stand der Dinge informiert eine frei zugängliche Broschüre, die jährlich erneuert wird. Ausdrücklich forderte Kay-Frith Butterfield, die an führender Stelle an der Organisation des Standardisierungsprozesses beteiligt ist, zur Mitarbeit auf – derzeit sind einige Arbeiten offen für die Kommentierung. Grundsätzlich sei jeder Technologie- und Ethikexperte qualifiziert, mitzumachen – wichtig sei dies besonders für Junge, denn sie müssten in der Welt leben, die nun designt würde, sagte sie auf einem im Münchner Deutschen patent- und Markenamt anlässlich eines weltweiten Kongresses zum Thema „Ethisches Design für Industrie 4.0“. Also, auf ans Werk!

Summary:IEEE P7000 Working Group is working on standards for ethical IT systems design with respect to AI and autonomous vehicles. Work shall be at least partly feely available under a Creative Commons license. Freely downloadable: A brochure supposed to be reworked every year containing the state of the art.

Umwelthoffnung Additive Fertigung

Die Additive Fertigung – die Herstellung von Teilen (vom Ersatzteil bis potentiell zur fertigen Maschine) durch Laserdruck nach dreidimensionalen CAD-Plänen – könnte in einigen Jahren die Fertigungstechnik revolutionieren. Denn sie spart Unmengen an Material und auch an Transporten. Ersatzteile zum Beispiel können mit der Technologie aus dem entsprechenden Materialpulver direkt vor Ort gedruckt werden. Außerdem werden neue Designs möglich, die sich heute schlicht aus Gründen der Fertigungstechnik nicht oder nur übermäßig teuer realisieren lassen, beispielsweise Werkstücke, bei denen ein Teil kompliziert mit einem anderen verschränkt ist oder sehr unregelmäßige Flächen hat. Ein Beispiel dafür gab es bei GE Digitals Tagung Minds + Machines in Berlin zu sehen. Gezeigt wurden (siehe Bild) der massive Materialblock, aus dem das entsprechende Werkstück herausgefräst wurde, die dabei anfallenden Späne und das Werkstück selbst. Gleichzeitig präsentiete GE dasselbe Werkstück gedruckt – durch diese Methode war eine etwas andere Form möglich – zeigte die vergleichsweise winzige Menge Pulver, aus dem der Druck entstanden war und den zustande gekommenen Produktionsabfall, vor allem einige Grate, die nach der Produktion entfernt worden waren. Die Kapazität der Laserkammern, in denen gedruckt wird, ist zwar noch nicht so hoch, soll aber steigen. GE Digital bringt demnächst ein Gerät mit einem Kubikmeter Fassungsvermögen auf den Markt – prinzipiell sind nach oben keine Grenzen gesetzt, doch liegen die Probleme hier wohl wahrscheinlich im Detail. Das auf der Veranstaltung gezeigte Gerät, mit dem GE während der Veranstaltung ein Emblem mit seinem Logo drucken ließ, um die Technik zu demonstrieren, verbraucht nur 200 Watt.
Warm anziehen müsste sich in Zeiten der additiven Fertigung wohl aber der deutsche Maschinenbau. Der verkündet zwar den forcierten Einstieg in optische Technologien, doch senkt die additive Fertigung grundsätzlich die Einstiegsbarrieren in die Branche, so dass es gut möglich ist, dass in einigen Jahren auch in bisher auf diesem Markt wenig sichtbaren Ökonomien neue Unternehmen auftauchen, die sich das zunutze machen.

Euroforum: Wer profitiert am meisten von der Digitalisierung der Energiebranche … na? ahnen Sie es schon?…

Heute kam mit der Mail eine neue Studie über die Digitalisierung der Energiewirtschaft von Euroforum, die meinen ohnehin bestehenden Verdacht bestätigte: Von der Digitalisierung der Energiebranche werden nach der Einschätzung etwa 80 Befragten aus der Energiewirtschaft wohl am ehesten nicht etwa Energieprovider oder ihre Kunden profitieren sondern – Surprise, Surprise! – Internetprovider und die IT-Branche. Gegen letzteres wäre nichts einzuwenden, wenn die Energiekunden bei der Nennung der Profiteure vorn gestanden hätten. Aber nein, sie werden „nur“ (mit 27,2 Prozent Nennungen) gleichauf genannt mit den IT-Herstellern erwähnt, auf Platz 3 liegen mit 23,5 Prozent die Internet-Konzerne. Nimmt man also das IT-Thema zusammen, dann tauchen in etwa 60 Prozent der Nennungen IT-nahe Akteure als die großen Gewinner auf, während nur etwas mehr als ein Viertel die Anwender nennen, denen das Ganze eigentlich am Ende dienen sollte. Ob die Digitalisierung der Energiebranche der Nachhaltigkeit, den Erzeugern Erneuerbarer Energien oder der CO2-Bilanz dient, danach wurde erst gar nicht gefragt, dabei ist das Smart Grid ja vor allem dadurch inspiriert, dass man flukturierende, erneuerbare Energiequellen, also: Sonne und Wind, ins Energiesystem einbeziehen und gleichzeitig die gewohnt hohen Verfügbarkeiten aufrecht erhalten will.
Als wichtigste Vorbilder bei den Digitalisierungsanstrengungen wählen sich die befragten Manager vor allem ausgerechnet die von Kapazitätsengpässen (ich sage nur Breitband in Deutschland), Hacking-Zwischenfällen und anderen Plagen heimgesuchte TK-Branche (70,4 Prozent Nennungen) und die von uns allen heiß geliebte (ich sage nur: Deutsche Bank, Finanzkrise, durch Hochfrequenzhandel verursachte Abstürze der Börse, und wie die Banken immer wieder von Hacking betroffene „alternative Anbieter“) Finanzindustrie. Das lässt Schlimmes für die Zuverlässigkeit und Kundenfreundlichkeit des Stromnetzes erwarten, schließlich kennen wir alle die nervigen Endlos-Telefonschleifen, wenn mal was nicht geht, abstürzende Router, scheiternde Internet-Logins und ähnliche Erscheinungen.
Ein Trost bleibt: Von der flächendeckenden Digitalisierung auch des banalsten Haushaltsgeräts als Gewinnquelle scheint man sich seitens der befragten Energiemanager endlich zu verabschieden – in einer Liste der zehn wichtigsten Digitalisierungsthemen der Energieindustrie landeten Energiespeicher ganz oben, das Smarthome aber auf Platz 9. Das sähen Vertreter der IT-industrie und Internet-Branche, die uns inzwischen digitalisierte Haarbürsten zu verkaufen trachten, hätte man sie befragt, wohl anders (vgl. hier). Wer die ganze Studie lesen will, findet sie hier

Greenpeace: Miserable Umweltbilanz bei Smartphones, bessere bei Internetprovidern

In den 10 Jahren seit 2007 wurden mehr als 7 Milliarden Smartphones produziert. 78 Prozent der aktuellen Smartphone-Käufe entfallen laut Greenpeace auf Wiederkäufer, die ihr altes Gerät, meist noch funktionsfähig, verschrottet haben – die durchschnittliche Gebrauchsdauer pro Nutzer liegt bei etwa zwei Jahren. In einem neuen Bericht fasst Greenpeace nun die Umweltwirkungen dieser Lawine zusammen: gefährliche Arbeit in den Rohstoffminen, gefährliche Chemikalienexpositionen der in der Produktion Beschäftigten, hoch energieintensive Produktionsprozesse und Berge von Elektronikschrott wegen schnellen Gerätewechsels. Einige bisher nicht ersetzbare Materialien sind rar, beispielsweise liegt die derzeitige Reichweite von Indium, einer Seltenen Erde, bei 14 Jahren. Die derzeitigen Recycling-Prozesse, die ohnehin nur geschätzte 16 Prozent des gesamten Elektronikmülls erfassen, können viele Spurenelemente überhaupt (noch) nicht zurückgewinnen. Nach Daten der United Nations University wurden 2014 drei Millionen Tonnen Elektroschrott durch Kleingeräte erzeugt, zu denen Smartphones einen wesentlichen Anteil beitrugen.
Drei Viertel des Energieverbrauchs und damit auch des Kohlendioxid-Footprints eines Smartphones fallen bereits während der Produktion an. Für Smartphone-Produktion wurden bisher etwa 970 TWh Strom verbraucht, entsprechend etwa dem derzeitigen Stromverbrauch Indiens pro Jahr. Nur zehn Prozent dieser Energie stammt derzeit aus erneuerbaren Quellen.
Greenpeace fordert, den Materialaufwand durch Kreislaufführung der Produktions- und Recyclingprozesse zu verringern und gefährliche Materialien durch andere zu ersetzen. Außerdem sollen Smartphonehersteller reparaturfreundliche Geräte bauen und Ersatzteile bereithalten, so dass bei Defekten nicht gleich das ganze Gerät ausgetauscht werden muss. Hinsichtlich des Energieverbrauchs bei der Produktion fordert Greenpeace, das Hersteller über ihren Klimagas-Ausstoß berichtspflichtig werden und sich Reduktionsziele setzen, die sie zum Beispiel durch den Umstieg auf erneuerbare Energiequellen erreichen können.
So miserabel die situation bei der Smartphone-Fertigung und – nutzung ist – es gibt auch Bereiche, in denen sich etwas tut: Viele große Cloud-Provider steigen auf Renewables um. Hierfür hat Greenpeace ein Ranking im rahmen seines Berichts über die Umweltfreundlichkeit von Internet-Unternehmen entwickelt, das Apple anführt. Der Hersteller und Cloud-Provider verwendet in seinen Cloud-Rechenzentren insgesamt nur 14 Prozent Strom aus nicht erneuerbaren Quellen. Auf Platz 2 und 3 liegen Facebook (67 % Renewables) und Google (56 % Renewables). Weit hinten unter den großen Cloud-Providern rangiert übrigens AWS mit nur 12 Prozent Erneuerbaren-Anteil. Deutsche Provider, etwa die Telekom, kommen in dem Ranking leider nicht vor.

Reale Kriegsgefahr durch Cyberabwehr?

In den vergangenen Tagen geisterte durch die Gazetten, die Bundesregierung plane, bei Cyberangriffen zurückzuschlagen und die angreifenden Server zu vernichten, und zwar auch dann, wenn sie (wie wohl meistens) im Ausland stehen. So berechtigt und notwendig das Anliegen ist, Cyber-Angriffe konsequent abzuwehren, indem man die eigenen Systeme wasserdicht macht (und beispielsweise technisch unbedarfte Politiker nicht mit ungeschützten Privathandies ihre Amtsgeschäfte regeln lässt), so riskant ist eine Hack-back-Strategie.
Natürlich sind Wut und Rachedurst sowie der Wunsch, die eigene gleichrangige Kompetenz zu demonstrieren in solchen Situationen sehr verständlich, nutzen sie aber am Ende wirklich? Immerhin besteht das Risiko, dass einer der Beteiligten irgendwann und vielleicht sogar unangekündigt vom Cyber- zum Physical War übergeht. Sinnvoll wären solche Gegen-Attacken allenfalls, wenn es sich mit Sicherheit bei den Angreifern um banale Hacker handelt, die beispielsweise versuchen, einen Staat durch Bedrohung seines Smart Grid zu erpressen. Aber oft genug ist es ja gar nicht möglich, das sauber auseinanderzuhalten. Und manchmal kommt der Angreifer vielleicht auch aus den eigenen Reihen. Stuxnet beispielsweise, angeblich ein Produkt von US- und israelischem Geheimdienst, verseuchte nicht nur Siemens-Steuerungen im Iran, sondern am Ende auch viele andere, weil die Urheber die Ausbreitung des Geistes aus der Flasche nicht vollständig kontrollieren konnte.
Bei der versehentlichen Auslösung von physischen Kriegshandlungen durch Hack Back kann Westeuropa nur verlieren. Was es bedeutet, sich selbst zum Schlachtfeld zu machen, hat Europa in zwei Weltkriegen während des 20. Jahrhunderts eindrucksvoll erfahren. Daraus den Schluss zu ziehen, man solle mit den gleichen Mitteln zurückschlagen, sich also nicht auf Verteidigung beschränken, wenn man im Cyberspace angegriffen wird, scheint mir ein Hasardeurspiel. Denn im Zweifel ist über die Ausrufung des Bündnisfalles der Weg zu einer weltweiten kriegerischen Auseinandersetzung nicht weit. Der einzig sinnvolle Umgang mit derartigen Cyber-Risiken besteht darin, die Sicherheitsvorkehrungen zu verbessern und vernünftigerweise nicht jede sicherheitsrelevante Infrastruktur auf Gedeih und Verderb auf nun mal unsichere Internet zu legen, auch wenn das einigen ökonomischen Blütenträumen den Garaus machen würde. Das Stromnetz gehört auf eine abgetrennte Infrastruktur, genau wie die Verkehrsnetze etc. Und sprechende Kühlschränke, Haar- und Zahnbürsten, die unsere Daten über das Internet an werweißwen weitergeben und uns (im Falle der Haarbürste) darüber belehren, wie wir unsere Haare bürsten sollen, braucht sowieso keiner. Ich nehme übrigens einen Kamm, der ist (noch) zu klein für ein intelligentes Innenleben.