Nachhaltige IT im Mai: Der Blaue Engel für Rechenzentren in der Renovierung (und andere kleine Fortschritte)

Der Mai bringt einiges auch nachhaltigkeitspolitisch Interessante. Zum Beispiel läuft ein Prozess, der den Blauen Engel für Rechenzentren erneuern soll. Rechenzentren sollen, falls der Entwurf durchkommt, jetzt beispielsweise ihre Abwärme nutzen – freilich vorerst nur in den eigenen Räumlichkeiten. Mal sehen, ob sich das durchsetzen lässt. Der Konsultationsprozess hat ja eben erst begonnnen. Wer sich einbringen und die Kriterien kommentieren will, der kann dies hier tun. Kriterienliste links, die Kriterien einzeln anklicken, dann erscheint eine nähere Beschreibung mit Kommentierungsmöglichkeit.
Weiter kommen die sogenannten KI-Prozessoren langsam in die Puschen. Das sind Prozessoren, mit denen das Anlernen von neuronalen Netzen beschleunigt wird. Gleichzeitig sind diese Architekturen weitaus weniger energieverschwenderisch als das, was wir heute dafür verwenden. Im Leibniz-Rechenzentrum wird gerade so etwas von Cerebras . Auf der Website der Firma kann man dieses Rechenwunden in der Größe eines Teetabletts bestaunen.
Und Nachhaltigkeit wird zum Top-Thema auch in der geschäftlichen Software. Ein Beleg dafür: Die Software AG, die mit dem ARIS-Toolset eine der Top-Lösungen für Prozessanalyse und -planung anbietet, erweitert ihre Lösung um ein Nachhaltigkeitsmodul: ARIS for sustainability.
Kurz: Es tut sich was. Fragt sich, ob schnell genug.

Endlich: Nachhaltige IT professionell erlernen können!

Es war Ende der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts, als ich in Bonn zum ersten Mal an einer Konferenz zum Thema „Informatik und Umwelt“ teilnahm und darüber einige Artikel schrieb – für das Elektronik Journal und das Umweltmagazin, die im längst nicht mehr autonom existierenden Europa Fachpresse Verlag herausgegeben wurden.
Kaum 40 Jahre und unzählige Artikel (natürlich von ganz vielen Leuten, nicht nur von mir) und Konferenzen und grüne Feigenblättchen später geschieht das Wunder: Die erste deutsche Universität begründet einen Studiengang, der beide Themen, Informatik und Nachhaltigkeit, ENDLICH! Zusammenbringt.
An der Universität Würzburg entsteht der Studiengang „Informatik und Nachhaltigkeit“. Initiiert wurde er von Tobias Hoßfeld, wie das Greenpeace-Magazin in seiner aktuellen Ausgabe berichtete.
Auf der Website des Studiengangs finden sich alle wichtigen Infos. Nach dem Erwerb von Grundkenntnissen in beiden Bereichen (IT und Nachhaltigkeit) können sich die Studierenden entweder auf „nachhaltige IT“ oder „IT für die Nachhaltigkeit“ spezialisieren. Während ersteres effizientere Systeme, Architekturen und Algorithmen bedeutet, meint zweiteres die klassische Umweltinformatik, also den Einsatz digitaler Technik, um mehr Umweltschutz und Nachhaltigkeit zu realisieren.
Außerdem gibt es mögliche Vertiefungsschwerpunkte in Biologie, Kartografie und Fernerkundung. Schließlich können Studierende anderer Fachrichtungen, z.B. der Informatik, Luft- und Raumfahrt den Bereich „Nachhaltige IT“ als Vertiefungsfach wählen. Einen Master-Studiengang für Informatik und Nachhaltigkeit gibt es noch nicht, aber was noch nicht ist, kann ja noch werden.
Mein Glückwunsch an Tobias Hoßfeld und die Uni Würzburg dafür, endlich diesen längst überfälligen Schritt unternommen zu haben. Und meine besten Erfolgswünsche für die hoffentlich hartnäckigen, ideenreichen und in Sachen Umweltschutz unnachgiebigen Berufstätigen, die aus diesem Studium hoffentlich erwachsen werden. Die Welt braucht Euch. Dringend!

Die Uni Würzburg ist nicht der einzige Ort hierzulande, wo man erkennt, dass IT entweder nachhaltig sein und wirken muss oder gar nicht. Das Hasso Plattner Institut veranstaltete erst kürzlich eine Tagung zum Thema Nachhaltige Softwareentwicklung (die Aufzeichnungen sämtlicher Vorträge finden sich hier) und stellte auf dieser einen kostenlosen zweiwöchigen Online-Kurs (Aufwand pro Woche laut Website: 2-6 Stunden) zum Thema nachhaltige Softwareentwicklung vor. Wer sich damit befassen möchte, sollte Grundkenntnisse in Python-Programmierung mitbringen. Auf diesen Gedanken sind bis heute (7.4.2022) bereits mehr als 2000 Interessierte gekommen, und es dürfen wohl ruhig noch mehr werden.

Nachhaltige IT: Plötzlich ein Topthema

Wenn ich mich erinnere, wie schwer es das Thema Green IT lange hatte, dann hat sich spätestens im laufenden Jahr eine Art Zeitenwende vollzogen. Sogar ins Regierungsprogramm hat es Green IT geschafft, allerdings nur im Umfang eines einzigen sieben- oder achtzeiligen Absatzes. Jedenfalls ist es inzwischen sehr viel leichter, entsprechende Themen unterzubringen. Über „grüne“ Themen konnte ich im laufenden Jahr einen sehr ausführlichen Text zum Thema IT-Entsorgung in KMUs im IT-Administrator unterbringen. FÜrs kommende Jahr, in dem eine Green-IT-Sonderausgabe im iX-Verlag erscheinen wird, habe ich bereits vorgearbeitet – freuen Sie sich auf viele interessante und spannende Artikel in dem Heft (natürlich auch von vielen anderen AUtor*Innen) und halten Sie im Frühsommer die Augen offen!
Am meisten konnte ich aber in datacenter insider zu meinem Lieblingsthema publizieren. Beispielsweise dazu, warum es mit dem Gleichstrom im Rechenzentrum noch nicht flutscht, wie man Rechenzentren sinnvoll ins Stromnetz integriert und warum es noch eine Weile dauern wird, bis Rechenzentren wirklich klimaneutral werden – ohne Snstrengung wird das nicht funktionieren! Und auch was die Digitalisierung tatsächich zum Klimaschutz beiträgt, war Thema eines Berichts. Wie offene Hard- und Software zur IT-Nachhaltigkeit beitragen soll, davon gab es beim OCP Summit 2021 viel zu hören. Und auch im nächsten jarh gibt es hoffentlich viele Gelegenheiten, grüne Themen auf der Plattform zu publizieren.
Nachhaltige IT muss sich leider aus persönlichen Gründen für mindestens einige Monate verabschieden. Aber Pausen haben ja noch niemand geschadet. Im nächsten Sommmer geht es hoffentlich weiter! Ihnen einen erholsamen und corona-freien Rutsch in ein gutes, grünes Jahr 2022! Ihre Ariane Rüdiger

Der Anfang vom Ende von Facebook wie wir es kennen

Gestern war ein großer Tag. Er wird in die Geschichte der IT eingehen: Die Whistleblowerin Frances Haugen sagte vor einem Senatsausschuss aus, der sich mit Jugendschutz in den sozialen Medien, insbesondere Facebook
beschäftigt.
Ihr Vorwurf: Facebook wisse aufgrund inhouse durchgeführter Forschungen sehr genau, dass seine Empfehlungsmechanismen so konstruiert sind, dass die durch diese Algorithmen bevorzugt präsentierten Inhalte soziale Schäden verursachte. Sie führen laut dazu, dass junge Frauen ihre Körper verabscheuen, Anorexie bekommen, dass Ethnien zum Rassenhass aufgestachelt werden und Gewalt ausgeübt wird. Dies deshalb, weil extremere Inhalte besser klicken und weil alle Mechanismen verhindert werden, die die rasante Ausbreitungsgeschwindigkeit von News hemmen könnten. Außerdem spreche Facebook gezielt Kinder unter 13 Jahren an. Zudem seien die eingesetzten AI-Algorithmen zur Erkennung Minderjähriger und gefährlicher Inhalte nicht effizient. Sie würden nur etwa 20 Prozent der Kinder erkennen, deren Accounts dann gelöscht werden. Algorithmen zur Erkennung gefährlicher oder gewalttätiger Inhalte würden, wenn überhaupt, nur in wenigen Ländern respektive Sprachbereichen eingesetzt. Facebook tue auch bewusst viel zu wenig dagegen, dass über die Plattform von anderen Staaten Spionage zu Lasten der USA betrieben wird. Kurz: Facebook vermeide jeden Mechanismus so weit wie möglich, der den Gewinn verringern könnte. Haugen: „Das Unternehmen wird von Metriken gesteuert, nicht von Menschen.“ Ethische Überlegungen spielten bei der Ausgestaltung des Geschäftsmodell und der Algorithmen die geringstmögliche Rolle, Kontrollmechanismen würden nur dann aktiviert, wenn dies absolut unvermeidlich sei, beispielsweise kurz vor den US-Wahlen. Nach den Wahlen seien diese sofort wieder deaktiviert worden, was eine der Ursachen für den Erfolg der Aufrufe zur Erstürmung des Kapitols am 6. Januar gewesen sei.
Dies alles geschehe beziehungsweise geschehe nicht, weil Facebook durch wirksamere Maßnahmen zur Verhinderung sozialer und politischer Schäden mit weniger Wachstum bezahlen müsste. Facebook stelle Gewinn grundsätzlich über alle Anliegen, und dies liege vor allem an Mark Zuckerberg, der die letzte Instanz bei allen wichtigen Entscheidungen von Facebook sei.
Haugen fordert eine Regulierung, die Facebook und Big Tech insgesamt zwingt, Rohdaten sowie Algorithmen und hausinterne Forschung transparent zu machen. Das werde von einigen Big-Tech-Firmen teilweise bereits getan. Weiter fordert sie eine staatliche Regulierungsbehörde, die mit Algo-Spezialisten besetzt wird und tatsächlich beurteilen kann, wie die Algorithmen arbeiten. Grundsätzlich müsse man sich vom empfehlungsbasierten Algo-Ranking verabschieden und Inhalte anders, beispielsweise chronologisch, präsentieren, um negative Auswirkungen, wie sie sich bei Facebook-Nutzern zeigen, zu verhindern. Haugen zu den Senatsmitgliedern: „Die Tabakindustrie wurde stark reguliert, weil einer von zehn Rauchern Krebs bekommt. Aber zwei von zehn jugendlichen Facebook-Usern bekommen seriöse psychische Probleme. Das ist intolerabel. Sie müssen handeln!“ Haugen zitierte auch Daten, nach denen 13 Prozent der britischen und sechs Prozent der US-amerikanischen Selbstmordgefährdeten den Ursprung ihrer Selbstmordgedanken bei Instagram verorten.
Es scheint, dass das Maß der Toleranz bei aller Präferenz für möglichst unumschränkte Meinungsfreiheit in den USA langsam voll ist. Der zuständige Ausschuss, der sich diesmal lediglich mit Themen rund um den Jugendschutz befasste, ist überparteilich besetzt. Weitere Themen – nämlich das fehlende Vorgehen gegen politische Manipulation und Spionage sowie die unumschränkte Marktmacht des Riesen, zu dem auch der Messengerdienst WhatsApp und der Foto/Film-Sharing-Dienst Instagram gehören, wurden nur angerissen und sollen in separaten Hearings vertieft werden.

Fazit

Es scheint, als würde man auch in den USA endlich wach, wo die Tech-Riesen ja ansässig sind. Infolgedessen kann sie auch nur die dortige Regierung regulieren. Deshalb ist das, was jetzt dort passiert, von äußerster Bedeutung. Die anderen Großen hören die Glöckchen anscheinend schon läuten. So hat Youtube vor kurzem mehr als 100.000 Filme gelöscht, die Falschinformationen übers Impfen enthielten. Hoffentlich war auch der Schmarrn, mit dem QAnon die Welt verunsichert, darunter. Wer weiß: Vielleicht trägt eine konsequente Regulierung und gegebenenfalls Aufspaltung der Social-Media-Giganten mehr dazu bei, dass die Welt sich endlich mit ihren realen (z.B. Klimawandel, Armut) Problemen befasst statt mit aufgebauschtem Unfug wie den derzeit im Schwange befindlichen Verschwörungstheorien und anderem medial aufgeblähten Unsinn. Wer weiß, vielleicht ist Facebook in einem Jahr nicht mehr die Dreckschleudermaschine, die wir kennen.

Brennstoffzellen statt Batterien? Ein Buch zum Thema Wasserstoff

Seit kurzem beginnt sich die IT-Branche sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass sie trotz überragender infrastruktureller Bedeutung ihr Scherflein wird zur Nachhaltigkeit beitragen müssen. Und dass es dabei wohl mit einer niedrigen PUE nicht getan ist. Sondern weitere Taten nötig sind.
Gleichzeitig hört man auf einschlägigen (virtuellen) Kongressen immer wieder die Begriffe Wasserstoff oder Brennstoffzelle. Beides soll letztlich in bestimmten Bereichen die bislang üblichen USVs mit wahrlich nicht sehr umweltfreundlichen Batteriebänken überflüssig machen. Und man kann wohl davon ausgehen, dass die wenigsten IT-Infrastrukturspezialisten sich mit der Wasserstoff-Thematik vertraut gemacht haben.
Da Wasserstoff- (erzeugt aus grüner elektrischer Energie, selbstverständlich) getriebene Brennstoffzellen möglicherweise schon sehr bald als Alternative zu Batterien auftauchen werden, ist es also durchaus empfehlenswert, dazu mal etwas zu lesen, das mehr ist als Werbung von Startups. Hier empfiehlt sich ein Band aus dem Hydrogeit-Verlag. Diesen Verlag Sven Geitmann, ein erfahrener Fachjournalist, gegründet, um ihn ganz speziell dem Thema Wasserstoff zu widmen.
Im Hydrogeit- Verlag ist ein umfassender Einführungsband über Wasserstoff erschienen, der von der Historie über die Gewinnung, die Verarbeitung, den Transport, die Anwendung, ökonomische Aspekte und Sicherheitsmaßnahmen alles zusammenfasst, was man so über Wasserstoff wissen sollte. Geschrieben haben ihn Sven Geitmann und Eva Augsten, Fachjournalistin für Renewables.
Wer sich in Chemie nicht auskennt, wird vielleicht manchmal etwas nachlesen müssen, denn die Arbeit einer Brennstoffzelle und die Gewinnung von Wasserstoff sind nun einmal chemische Prozesse, aber das macht nichts. Wegen des inhaltlichen Rundumschlags und einer übersichtlichen Gliederung eignet sich das Buch auch gut als Nachschlagewerk. Zum Beispiel, um sich rückzuversichern, was grüner, blauer, grauer oder türkiser Wasserstoff ist, wie hoch die Wirkungsgrade sind und welche Arten von Brennstoffzellen es gibt.
Lobenswert ist auch die Aktualität der Veröffentlichung, die in der aktuell erschienenen 4. Auflage Entwicklungen aus dem Jahr 2020 noch verarbeitet. Gerade weil sich das Buch zum Nachschlagen eignet, hätte ich mir allerdings einen festen Einband gewünscht, weil der einfach langsamer zerfleddert.
Rechenzentrumsanwendungen kommen in dem Text übrigens (noch) nicht explizit vor, aber das mag daran liegen, dass dieses Thema wirklich erst am Entstehen ist. Doch in einer Zeit, in der sich Aldi und Rewe freiwillig (wenn auch sehr langsam) vom Quälfleisch verabschieden und ein renommierter Formen-1-Fahrer grün wählt, sollte es einen nicht wundern, wenn schon in einigen wenigen Jahren die ersten RZs mit (natürlich grünem!) Wasserstoff und Brennstoffzellen reservegepowert würden statt mit Lithium-Batterien. Schließlich rückt das Jahr 2030, in dem Deutschland bereits 65 Prozent seiner Kohlendioxidausstöße kompensiert haben will, unaufhörlich näher.
Nachhaltige-IT verabschiedet sich jetzt bis Oktober in eine lange Sommerpause. Denn der beste Umweltschutz besteht ganz einfach darin, nichts zu tun. Mit einem guten Buch auf der Wiese an einem nahegelegenen See, Bach oder Teich zu liegen, erzeugt wenig Kohlendioxid und noch dazu jede Menge gute Laune.
In diesem Sinne verabschiede ich mich bis zum Herbst und wünsche allen Leser*Innen Ähnliches.
Bibliographie:
Sven Geitmann, Eva Augsten: Wasserstoff und Brennstoffzellen. Die Technik von gestern, heute und morgen. Broschiert, 239 Seiten, zahlreiche farbige Abbildungen. Hydrogeit-Verlag, Oberkrämer, 2021. ISBN 978-3-937863-51-1. 17,90 Euro.

Kohlendioxid-Sparen durch Videokonferenzen, KI und Second Use, und noch eine Seite über Fliegen und Umwelt

In der Zeit zwischen dem letzten Post und heute gab es einige interessante Entwicklungen. In der Zeit zwischen dem letzten Post und heute gab es einige interessante Entwicklungen. Beispielsweise befasste sich das Borderstep-Institut zusammen mit dem verkehrsmittelneutralen Verkehrsverband VCD mit der Frage, in welchem Umfang Videoconferencing den Kohlendioxid-Ausstoß verringern könnte. Es wird auch höchste Zeit, dass irgendwo ein positiver Klimabeitrag der IT sichtbar wird, denn Borderstep ermittelte ebenfalls, dass der Kohlendioxid-Ausstoß deutscher Rechenzentren 2020 um eine Milliarde Tonnen auf nunmehr 16 Milliarden Tonnen angestiegen ist. Freilich sicher nicht trotz, wie Borderstep vermutet, sondern wegen Corona und den damit verbundenen vermehrten Digitalaktivitäten.
Wie siehts also nun aus mit den verkehrsbezogenen Kohlendioxideinsparungen durch Videokonferenzen? Dazu gibt es ein Fachtsheet als PDF mit den wichtigsten Zahlen als Download. Hier nur das Wichtigste: Drei Millionen Tonnen Kohlendioxid und 700.000 PKW könnten rechnerisch brutto eingespart werden. Also dreimal so viel wie der Kohlendioxid-Ausstoß der Rechenzentren im Jahr 2020 zugenommen hat. Wenn die Rechnung denn stimmt.
Denn es gibt erhebliche Rebound-Potentiale – etwa den Drang, sich wegen Enge im Home-Office eine größere Wohnung zuzulegen. Bilanziell könnten laut Borderstep/VCD 1,5 Millionen Tonnen Einsparung übrigbleiben, was abzüglich des vermutlich auf vermehrte Digitalaktiven zurückzuführenden Mehrverbrauchs der Rechenzentren im Jahr 2020 letztlich nur noch 500 Millionen Tonnen Einsparung übrig ließe. Was zeigt, dass wir noch viel mehr Verrhaltensänderung und Regulierung brauchen, um den Planeten lebbar zu halten.
Der Branchenverband BITKOM fragte zudem nach, wie sich der Alltag durch Corona digitalisiert habe ((https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Corona-sorgt-fuer-Digitalisierungsschub-in-deutschen-Haushalten)). Ein Ergebnis: Digitalisierung hat während der Pandemie überall geholfen, in der Arbeit wenig überraschend am meisten, gefolgt von Kommunikation mit Familie und Freunden und so ziemlich jedem anderen Lebensbereich. Nicht kommuniziert (und vielleicht auch nicht gefragt) wurde aber, ob die Nutzer den hohen Digitalisierungsgrad bei der privaten Kommunikation über die Pandemie hinaus aufrecht erhalten möchten. Das wäre interessant gewesen (die Ergebnisse hätten aber wohl die herrschende Digitaleuphorie relativiert).
Auch eine andere Studie sieht digitalen Segen für das Klima heraufdämmern: Diesmal geht es um KI. KI-basierte Maßnahmen könnten, so eine Studie von Capgemini Research International Institute, das, was laut dem Paris-Abkommen an CO2-Ausstoß erreicht werden muss, zu 11 bis 45 Prozent zu erreichen. Das meinten die befragten 400 Nachhaltigkeitsverantwortlichen und 400 Business-/Technologiemanager sowie 300 Nachhaltigkeistexperten und 40 weitere Experten. Die letzten Gruppe nahm an Tiefeninterviews teil. Dabei fällt vor allem die Spannbreite auf und damit die Unsicherheit der Gesamtprognose. Die Befragten gaben zudem an, in ihren Unternehmen in den letzten beiden Jahren den Treibhausgasausstoß bereits um 13 Prozent reduziert zu haben. Derzeit allerdings werden KI und Klimaschutz in den Unternehmen noch selten aufeinander bezogen.
Ein immergrünes Thema ist Sekundärnutzung von Elektronik und digitalen Geräten. Das gibt es schon länger, aber irgendwie ist das Thema nie so richtig abgehoben in der öffentlichen Wahrnehmung. Wahrscheinlich, weil hier die PR- und Werbebudgets wegen enger Margen nicht so freigiebig verteilt werden. Jedenfalls: Jetzt tritt mit Backmarkets wieder mal ein Anbieter an, der relativ kräftig investiert und trommelt. Vielleicht wirkt ja hier das hoffentlich steigende Umweltbewusstsein irgendwie förderlich. Back Market funktioniert als Plattform: Sie vereinigt 1500 Händler weltweit, die wiederaufbereitete Elektronik mit 36-Monats-Garantie und 70 Prozent billiger anbieten. Fragt sich, was die Werkstätten verdienen (wahrscheinlich nicht viel). Die Plattform nimmt gebrauchte Geräte an und verrechnet sie mit einem dort gekauften Refurbished-Gerät. Fragt sich, was die Werkstatt verdient. Anfrage läuft. Infos über Fliegen und Klimaschutz in digitaler Form gibt es auf dieser Website
Und zum Schluss: Infos über Fliegen und Klimaschutz in digitaler Form gibt es auf dieser Website des Umweltinstituts. Vielleicht mal lesen, bevor man sich panikartig ins Mallorca-Gewühle transportieren lässt, um dort fleißig an der Erzeugung von Corona-Mutanten mitzuwirken.

Im Februar: Ethik-Regeln und ein nachhaltiger RZ-Verband

Der Januar ist in Lockdown-bedingter Trägheit tatenlos dahingeflossen. Müde hangelt man sich von Webkonf zu Webkonf und hat so recht zu gar nichts mehr Lust. Doch das wird jetzt anders! Im Februar möchte ich der Nachhaltigen-IT-Gemeinde vor allem zwei interessante News verkünden: Angesichts der wohl unausweichlich bevorstehenden Regulierung der Rechenzentrumsbranche mit dem Ziel, sie umweltfreundlicher und nachhaltiger zu machen, reagiert die Branche nun. Ein neuer Verband wurde gegründet mit dem expliziten Ziel, europäische Rechenzentren nachhaltiger zu machen. Die Hintergründe und Inhalte der Verbandsarbeit habe ich für datacenter-insider.de bereits gründlich beleuchtet, deshalb nur der Verweis auf den dortigen Artikel.
Und zweitens hat die International Federation of Information Processing (IFIP), also der internationale Dachverband der Informatiker, sich einen Ethik-Code of Conduct verpasst. Wurde auch höchste Zeit, denn die Digitalzauberer haben heute wahrlich mehr Macht als ihnen gut tut, zumindest dann, wenn sie über diese Tatsache nicht reflektieren.
Nun also ist ein Ethik- und Verhaltenskodex für Informatiker erschienen. Die Hardwarehersteller haben Derartiges bereits 2018 verfasst. Die Regeln der IFIP lehnen sich an den Code der ACM an.
Hier sollen nicht alle Regeln wiedergegeben werden. Bemerkenswert ist jedoch, dass in beiden Regelwerken das Gemeinwohl (nicht der Firmengewinn oder der technische Fortschritt) den obersten Wert darstellt. Eher unterbelichtet sind Verpflichtungen der natürlichen Umwelt gegenüber, sie werden nur kurz erwähnt, aber nicht ausbuchstabiert, was klar macht, dass dieses Thema in seinen Implikationen noch immer grausam unterschätzt wird.
Es geht viel um Respekt vor den Mitmenschen und Diskriminierungsfreiheit, Datenschutz, Privatsphäre und Vertraulichkeit, ein humanes Arbeitsleben und Ähnliches. Um einen expliziten Passus zur Geschlechtergerechtigkeit hat man sich (außer der Erwähnung des Geschlechts in der Nichtdiskriminierungsregel) gedrückt. Besonders erwähnt werden IoT-Systeme („Systeme, die in gesellschaftliche Infrastrukturen integriert werden“) wegen ihres hohen Risiko- und Schadenspotentials.
Und Whistleblower werden mehr oder weniger allein gelassen. Wer davon träumt, dass derjenige, der Regeln bricht, um Unrecht oder Schaden zu verhindern, automatisch geschützt wird, sieht sich enttäuscht.
Fazit: Der Code ist ganz sicher besser als nichts, hat aber einige tote Winkel. Es wird an zukünftigen Informatiker-Generationen liegen, ihn zukunftstauglich weiterzuentwickeln.

Im Dezember viele Hoffnungen auf eine grünere IT, aber auch viele offene Fragen

Am Ende des Jahres gab es nochmal ein Feuerwerk der guten Laune, was IT und das „grüne Thema“ anging. Nicht nur, dass mehrere internationale IT-Konferenzen die grüne Thematik nach ganz oben hoben. Beispiele sind die Rechenzentrumskonferenz Datacenter Dynamics Europa 2020 (Überblicksbericht hier oder der weltweite OCP-Summit (Berichte hier allgemein und hier zum Thema Immersionskühlung .
Auch in Deutschland wurde das Thema „Nachhaltige IT“ plötzlich regierungsrelevant und zum Motto des Digitalgipfels (Überblicksbericht hier). Dort treffen sich schon seit vielen Jahren die Obersten der Branche, Politik einschließlich Kanzlerin und Presse, um zu beschwören, dass Europa in Sachen IT endlich der Anschluss zur Weltspitze gelingen muss. Dieses Mantra wiederholt sich seit etwa 20 Jahren, und auch das Versprechen, dass Europa dank IT ganz schnell grün werden soll, ist immer wieder zu vernehmen, wurde aber bisher niemals eingehalten.

Der Druck steigt

Dennoch ist der Druck jetzt mächtig angestiegen – auf der einen Seite schieben die anspruchsvolleren Klimavereinbarungen der EU, auf der anderen die Anwender, die nun plötzlich von ihren Kolokateuren umweltfreundliches Verhalten verlangen, wie eine Studie von 451 Research im Aufrag von Schneider Electric belegt oder Städte wie Frankfurt, das nicht bereit ist, noch mehr Strom in Rechenzentren fließen zu lassen, weil die anderen auch noch etwas Saft brauchen. Oder Amsterdam, wo neue RZs jetzt Abwärmenutzung nachweisen müssen.
Dazu kommen neue Technologien, vor allem Künstliche Intelligenz und Maschinenlernen, samt leistungsfähigerer Prozessoren. Damit lassen sich Daten massenweise erheben und viel gründlicher analysieren als das bisher gelang. Hinweise, was sie nützen könnten, finden sich beispielsweise in einer aktuellen Studie von Cap Gemini.
Alles soll im Grunde mit allem vernetzt, dadurch jedes Fitzelchen Information geerntet, ausgewertet und dazu benutzt werden, Ineffizienzen und damit Energie- und Materialverschwendung aus allen möglichen Prozessen zu verbannen. Beispielsweise aus der Produktion, dem Verkehr, der Gebäudesteuerung und so weiter. Auch das berühmte Smart Grid wird ohne IT nicht funktionieren. Dazu wird versprochen, dass Tierwanderungen verfolgt, Verschmutzer dingfest gemacht und Wetterprognosen für die Landwirtschaft genauer gestaltet werden sollen.
Massenweiser IT-Einsatz als einziger Weg zur Nachhaltigkeit?
Alles zusammengenommen, sieht die Branche sich und die von ihr entwickelten Tools als die einzige Chance, Wirtschaft und Gesellschaft irgendwie nachhaltig zu machen. So verkündete der Branchenverband Bitkom, dass nach einer aktuellen Studie die IT, richtig eingesetzt, nahezu die Hälfte der nötigen Kohlendioxid-Reduktion schaffen werde.
Der Rest soll dadurch kommen, erklärte auf dem Digitalgipfel ein Verbandsverteter, dass alle Produkte und Dienstleistungen (digital abrufbare?) Informationen über ihre Klimawirkungen bekommen, und sich die Verbraucher ganz selbstverständlich die aussuchen, die weniger Kohlendioxid erzeugen. Aha. Das könnten sie auch heute schon, zum Beispiel im Bioladen. Sie tun es aber nicht, jedenfalls nicht mehrheitlich. Das erzeugt Zweifel an dieser Idee. Hoffentlich entpuppt sich die Vorstellung vom Allheilmittel IT nicht irgendwann als derselbe Irrtum wie der des Schreiners, der alles durch das Hereinhauen von Nägeln reparieren wollte, nur weil er zufällig einen Hammer hatte.
Die Politik jubelt also angesichts der potentiellen Chance, Wachstum und Ökologie dank Digitalisierung irgendwie unter einen Hut zu bringen, muss aber die Reboud-Effekte weltweit in den Griff kriegen. Man kann ja nicht von Ökonomien anderswo erwarten, dass sie das Wachstum einstellen, obwohl sie viel weniger pro Kopf verbrauchen und weniger Abfall erzeugen als wir (oder uns unseren abnehmen) und wir gleichzeitig weiter wachsen.
Wie das gelingen soll, ist noch unklar, aber immerhin scheint man langsam zu begreifen, dass die führenden Ökonomien hier auf die Nachholer Rücksicht nehmen müssen. Regulierung ist also notwendig, wahrscheinlich darf es davon eher etwas mehr sein, wenn wir ernsthaft vorankommen wollen. Und obenan steht dabei ein kontinuierlich steigender, happiger Kohlendioxidpreis auf alles und jedes, gekoppelt mit Kompensationszahlungen an die ärmeren Bevölkerungskreise. Der jetzige Preis (25 Euro ab 2021 pro Tonne) ist da bestenfalls ein kleiner Anfang. Sonst kann man das Thema getrost vergessen.

Und das Recycling?

Nach wie vor ungelöst bleibt die IT-Recyclingfrage, gerade, was die Funktionsmaterialien der IT angeht. Die sind oft in den Gerätschaften nur in Spuren vorhanden, und von Recycling kann man in Bezug auf sie nicht ernsthaft sprechen. Auf die während des Digitalgipfels gestellte Frage, wie es damit voranginge, wusste der derzeitige Chef von Zeiss in Jena, Herr Lamprecht, nur zu erwidern, es werde daran gearbeitet. Ob hierbei auch Erfolge zu verzeichnen sind, die über das Bisherige hinausgehen, sagte Lamprecht leider nichts, obwohl die Autorin per E-Mail nachhakte. Das geplante Recht auf Reparatur in der EU ist da ein kleiner Hoffnungsschimmer, denn die Müllberge wachsen dadurch langsamer. Das gibt den Wissenschaftlern Zeit, vielleicht doch noch ein paar schlaue Prozesse zu ersinnen, die das Recycling voranbringen.

Ansonsten kann man den Blick nur mit verdrehten Augen gen Himmel lenken, wo gläubige Geister schon immer Hoffnung und Inspiration suchen, teils auch ganz handfest. Wahrscheinlich sind das hektische Streben zu fernen Planeten und die erneute Besteigung unseres Trabanten ( ) auch darauf zurückzuführen, dass man hofft, auf diese Weise die zumindest mittel- bis langfristig lückenhaften Vorräte aufzufüllen. Das würde dann allerdings ziemlich teuer.
Wie dem auch sei: Ich wünsche allen, die ab und zu einen Blick in Nachhaltige IT werfen, ein frohes Fest und ein ebensolches Neues Jahr mit Impfung und ohne COVID-19 und hoffe, dass sie sich auch durch das derzeit etwas abgetakelte Design des Blogs nicht vom Nachlesen abhalten lassen. Denn das Thema Nachhaltige IT ist relevanter denn je.

Im Oktober: Green Cloud Computing“, Informatik2020, Zahlen zum Markt für Nachhaltigkeitstechnologie, E-Waste-Day, Anti-Trust-Klage gegen Google und eine Rezension

In den vergangenen Wochen gab es einige interessante Neuigkeiten im Bereich Green IT. S stellte im September das UBA (Umweltbundesamt die Ergebnisse seines Projekts Studie Green Cloud Computing vor. Das Werk entwickelt Maßzahlen für die Energieeffizienz von RZs und befasst sich sich auch mit umweltgerechtem Streaming. Die Veröffentlichung dazu findet man hier.

Informatik 2020

Weiter führte die Gesellschaft für Informatik eine große virtuelle Tagung, Informatik 2020, durch, in deren Programm es tatsächlich mehrere Vortragsreihen mit umweltrelevanten Themen gab. Zu vielen Vorträgen findet man den gesamten Vortragstext samt Kontaktinformationen online. So gab es den thematisch bunt gemischten Workshop „Umweltinformatik“ Dann einen weiteren Workshop mit dem Themenschwerpunkt KI in der Umweltinformatik. KI-Algorithmen unterschiedlicher Art lassen sich hier wegen des Datenreichtums und der vielfältigen Kreuz- und Querverknüpfungen von Umweltthemen anscheinende trefflich einsetzen. Weitere Workshops (Energie, Mobilitätssysteme, Ethik und KI) waren zwar ebenfalls aus der Perspektive der Umweltinformatik interessant, doch haben hier die Referenten ihre Vorträge nicht hinterlegt.
Dass man IT-Technologien gut für Umweltbelange nutzen kann (auch wenn sie selbst die Umwelt durch Abfall versauen, siehe unten), kann man an dem schnell wachsenden Markt für Green Technology und Nachhaltigkeit sehen. Den erforschte kürzlich Research and Markets und kam im September zu dem interessanten Schluss, dass die Nachhaltigkeitsindustrie, in der viel IT steckt, 2019 ein Marktvolumen von 8,3 Milliarden Dollar hatte. 2030, also in zehn Jahren, sollen es 57,8 Milliarden Dollar sein. Das dafür ursächliche Wachstum soll 20 Prozent jährlich betragen. Die wichtigsten Technologien sind dabei IoT, Analytics, die Cloud, Blockchain und digitale Zwillinge. Einsatzfelder sehen die Autoren in nahezu allen Bereichen der Umwelttechnik. Wer es genauer wissen will, muss die teure Studie kaufen, die Inhaltsangebe und ein paar Zahlen (siehe oben) finden sich hier.

E-Waste-Day

Wie alles auf der Welt „seinen Tag“ hat, so gibt es seit 2018 auch einen E-Waste-Day. Er war am 14. Oktober und wird vom WEEEforum ausgerufen. Gutes gab es nicht zu verkünden. Der Berg elektronischer Abfälle hat sich gegenüber vor fünf Jahren um gut ein Fünftel (21 Prozent) auf 53,6 Millionen Metrische Tonnen erhöht, davon wurden nur 17,4 Prozent gesammelt und rezykliert. Wenn wir weiter alle so fleißig wie bisher Elektrogeräte und IT-Geräte und Smartphones kaufen, die nicht reparabel sind, und sie bei der kleinsten Macke entsorgen, dann wird der Berg ganz bestimmt bis 2030 die prognostizierten 74 Millionen Tonnen erreichen. Eine gigantische Verschwendung wertvoller Materialien, die wir irgendwann werden aus dem Mond oder anderen Himmelskörpern herauskratzen müssen, weil wir zu blöd waren, rechtzeitig an die Recycling-Fähigkeit unserer Technologien zu denken.
Wer genaueres zu den Zahlen wissen will, findet ausführlichstes Material im Global E-Waste-Monitor 2020. Den kann man kostenlos herunterladen.
.Europa erzeugte übrigens 16,2 Kilo pro Kopf und damit pro Kopf am meisten weltweit, rezykliert aber 42,5 Prozent und ist damit ebenso Nr. 1.
Wer Spaß am Rätseln hat: TCO Certified, die schwedische Zertifizierungsorganisation, rückt dem Thema mit einem kleinen Online-Quiz zuleibe.

Antitrust gegen Google

Nun geht es dem Monopolisten also endlich an den Kragen: Trump hängt Google ein Antitrust-Verfahren an den Hals. Damit keine Irrtümer aufkommen: Ich finde Trump schrecklich. Ich würde ihn nie wählen. Ich finde aber auch Monopolisten schrecklich, weshalb ich Google genau dann direkt nutze, wenn nichts anderes übrig bleibt. Deshalb begrüße ich jetzt das Anti-Trust-Verfahren gegen Google, auch wenn es aus der falschen Ecke kommt.
Außerdem finde ich, Facebook und Amazon gebühren ähnliche Schritte, und zwar in nicht allzu ferner Zukunft.
Ich bedauere es außerordentlich, dass sich zu diesem Schritt keiner der politischen Exponenten herbeifinden konnte, die mir in ihrem Denken und Handeln weitaus näher stehen als ausgerechnet der größenwahnsinnige Psychopath überm Teich. Aber wahrscheinlich braucht es genau diesen Größenwahn, um nicht vor dem Suchmaschinengiganten gleich vorbeugend in Knie zu gehen. Hoffentlich verfolgt auch Biden, so er denn gewählt wird (und das wäre absolut wünschenswert) diese Klage weiter.

Wie entwickelt sich die Welt durch Corona weiter?

Sehr interessant übrigens auch ein neues Buch aus dem transcript-Verlag, das sich in einer ganzen Reihe von Beiträgen damit befasst, wie sich die Welt durch COVID verändert. Dabei geht es quer durch den Gemüsegarten: Sozialwissenschaften, Medizin, Wirtschaft, Politik und Geschichte kommen zu Wort, Digitalisierung taucht in vielen Artikeln als Querschnittstehema auf.
Einer der Autoren fand zu einer sehr interessanten Diagnose: Die hoch gepriesene KI habe sich im Angesicht der Pandemie zumindest im Umgang mit Ansteckungsgefahren als nicht besonders nützlich entpuppt, vielmehr seien hier uralte Mechanismen wie Masken, (Selbst)isolation und so weiter nach wie vor die wirksamsten Vorgehensweisen. Allerdings hat sich dieser Autor nicht über das Thema Medikamentenentwicklung ausgelassen. Ich gehe davon aus, dass die KI-unterstützte Suche nach passenden Molekülen, um das Virus auf die eine oder andere Art schachmatt zu setzen, durchaus von KI im Hintergrund befeuert wird. Aber Konkretes gelesen habe ich darüber noch nichts, und deshalb kann diese an sich plausible Annahme auch falsch sein. Das Buch lohnt auf jeden Fall, wenn man etwas tiefgründiger und breiter über die gesellschaftlichen Auswirkungen von COVID spekulieren und dabei die Grenzen seines Faches (Informatik) gern mal verlassen will.
Deshalb hier kurz die Bibliographie: Bernd Kortmann, Günther G. Schulze (Hg.): Jenseits von Corona. Unsere Welt nach der Pandemie – Perspektiven aus der Wissenschaft. Serie X-Texte zu Kultur und Gesellschaft. Broschiert, 314 Seiten. Transcript-Verlag, Bielefeld 2020. ISBN 978-3-8376-5517-9, Print 22,50, als E-Book 19.99
Und nun ein Wort zum Schluss: Bücher kauft man bei seinem liebsten stationären Buchhändler. Der oder die bestellt sie genau so schnell wie Amazon, hat Telefon (fürs Bestellen), liefert während Corona wenns sein muss per Fahrrad und schafft Arbeitsplätze ganz in Ihrer Nähe.

Im Sommerloch: E-Müllberge, sparsames Streaming und Lithium ohne Kohlendioxid

Das Sommerloch macht sich auch hier im Blog bemerkbar, unter anderem in einem (hoffentlich vorübergehenden) Verlust der Bildelemente. Die Autorin genießt es nach den Monaten des Lock-In vor die Türe zu gehen, wobei der Laptop schlicht zu Hause bleibt. Die Folge: Löchrige Coverage. Naja, liebe LeserInnen, Sie werden es verkraften.
Nun kommt also die große Sommer-News. Und voraussichtlich die einzige bis Ende August.

E-Müllberge wachsen munter weiter

Was gibt’s zu berichten? Ein Zusammenschluss internationaler Organisationen, darunter die ITU (International Telecommunications Union) bringt 2020 den zweiten „Global E Waste Monitor“ auf den Markt. Auf der Website ist auch noch das Exemplar 2017 zu finden, so dass Interessierte auch vergleichen können. Den ersten Bericht dieser Art gab es übrigens 2014.
Die Ergebnisse sind einerseits ermutigend, andererseits frustrierend. Einige Kennzahlen: Immerhin gibt es inzwischen in 78 (von über 180) Ländern irgendwelche Gesetze, Regeln oder Regulierungsbestimmungen hinsichtlich der Entsorgung von Elektroschrott. 2014 waren es 67, 2017 67 Länder. Wenn es so weitergeht, dann dürften 2030 alle Länder irgendeine Regulierung haben. Das ist eigentlich zu spät, deshalb dalli!
Der globale Elektromüllberg ist auf 53,6 Megatonnen (1 Mt entspricht 1 Million Tonnen) angeschwollen. Das entspricht pro Person 7,3 Kilo Elektroschrott. Die Menge soll ungebremst weiter wachsen – bis 2030 auf 74,7 Mt global. Den meisten Elektroschrott pro Kopf erzeugen die Europäer: 16,1 Kilo pro Kopf und Jahr . Am wenigsten ist es in Afrika, nämlich 2,5 Kilo pro Kopf. Vieles davon dürfte direkt aus Europa stammen und in Afrika ein zweites Nutzungsleben absolvieren.
Nur 17,4 Prozent des gesamten Bergs werden dokumentiert und geordnet entsorgt – das entspricht 9,3 Mt. Der Rest – 82,6 Prozent oder 44,3 Mt, wandert irgendwie irgendwohin. Das muss nicht heißen, dass all das auf wilden Müllkippen in Afrika landet. Die Exportrate liegt bei 7 bis 20 Prozent, wobei die Güter entweder nochmals genutzt oder aber tatsächlich ungeordnet rezykliert respektive verbrannt werden. 8 Prozent landen in Mülleimern der Erzeugerländer statt auf dem Wertstoffhof und damit all die wertvollen Stoffe, die in den elektronischen Helferlein schlummern.
Würde man all das, was an wertvollen Rohstoffen in den nicht geordnet erfassten und rezyklierten Elektrogeräten schlummert, ausbeuten, dann entspräche das jährlich einem Wert von 57 Milliarden US-Dollar. Dazu kommen ungezählte nicht geleistete Bergarbeiterstunden, Minen-Sprengungen, Abwasserseen etc, denn was nicht abgebaut wird, erzeugt auch keinen Abraum. Was für eine Verschwendung! Der Wert der Rohstoffe dürfte übrigens jetzt schon wieder höher sein, denn der Goldpreis ist heftig angestiegen. Außerdem gelangen durch fehlende Entsorgungs- und Rezyklierungsstrukturen größere Mengen gesundheitsschädlicher und teils hochgiftiger Stoffe in die Umwelt.
Nun kommt das Erfreuliche für Europa: Die Europäer erzeugen zwar den meisten Elektroschrott, aber sie rezyklieren auch am meisten, nämlich 42 Prozent ihres Elektroschrotts. Die Nummer 2 auf diesem Gebiet ist Asien mit 11,7 Prozent, die übrigen Kontinente sind einstellig. Ausruhen sollte man sich darauf aber nicht. Also, Leute, packt endlich Eure Keller und Schubladen aus, diese unerkannte Rohstoffhalde, und schleppt das Zeug zum Wertstoffhof, damit Eure Enkel die Rohstoffe fürs Handy nicht auf dem Mars suchen oder sich wieder per Buschtrommel verständigen müssen.

Streaming: so geht’s ohne Stromverschwendung

Eine weitere nette Studie aus den vergangenen Wochen beschäftigte sich mit dem beliebten Thema Streaming, gerade zu COVID-Zeiten ganz bestimmt eines der Lieblingshobbies signifikanter Bevölkerungskreise. Das Werk stammt vom meinerseits sehr geschätzten Borderstep-Institut in Berlin, das sich sehr bemüht, IT und grüne Ziele unter einen Hut zu bekommen. Zu finden ist das Papier hier.
Das Wichtigste in Kürze, nachlesen lohnt sich fürs Detail: Eine Stunde Videostreaming verursacht in Full HD einen Stromverbrauch von 220 bis 370 Wh und 100 bis 175 Gramm Kohlendioxid. Gern bemüht wird der Vergleich mit dem Autofahren – das entspricht nämlich rund einem Kilometer mit dem Kleinwagen. Diesen Kilometer hätte man besser auch noch zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt, aber beim Streaming geht das leider nicht.
Es gibt einige Methoden, wie man den Energieverbrauch beim Streaming richtig schön aufblasen kann: riesige Bildschirme, 4K-Auflösung statt HD (pusht den Verbrauch auf Vier- bis Sechsfache, nämlich fast 1300 Wh, das sind dann sechs Autokilometer).
Sparen tut, wer sich mit etwas mehr Grisseligkeit und einem kleineren Bildschirm zufrieden gibt. Smartphone oder Tablet sind energetisch ideal, der Notebook geht auch noch. Die modischen Gigantenfernseher dagegen sollte man eher nicht nutzen, so hässlich, wie die sind, ruinieren sie sowieso die Ästhetik jedes Wohnraums. Dann doch lieber nett aneinandergekuschelt gemeinsam in ein handliches Endgerät starren. Außerdem müssen die Netz- und RZ-Betreiber die Effizienz ihrer Anlagen erhöhen so weit wie möglich und regenerative Energien verwenden, damit sich die Streaming-Bilanz verbessert.

Lithium für Batterien aus Europa

Lithium hat sich inzwischen wegen seiner Verwendung in Batterien zum kritischen Material entwickelt. Derzeit findet die Förderung ausschließlich weit weg, teils unter unerfreulichen Arbeitsbedingungen, hohem Kohlendioxid-Ausstoß und großen Umweltbeeinträchtigungen statt.
Nun hat ein Konsortium, dem unter anderem Vulcan Energy Resources, und EIT Inno Energy damit begonnen, eine Lithium-Förderanlage ohne Kohlendioxidausstoß nach einem von Vulcan entwickelten Verfahren zu errichten. Ich wüsste selbst gern, was genau EIT Inno Energy ist, aber eine Recherche auf der Website dieses Unternehmens scheiterte an einer extrem unflexiblen Cookie-Freigabe: Man konnte lediglich alle Cookies – allein 23 Marketing-Cookies – annehmen und sich nicht entscheiden, nur funktionale zuzulassen, und so was boykottiere ich. Es geht nämlich auch anders.
Jedenfalls wird jetzt, wie Doreen Rietentiet vom auf Energiethemen spezialisierten Beratungsunternehmen DWR Eco in einer Pressemeldung berichtet, dieses Projekt im Oberen Rheingraben aufgebaut und soll ab 2023 fördern. Dabei wird im Rahmen einer geothermischen Anlage heiße Sole aus dem tiefen Untergrund gesogen, Energie und Lithium werden entladen und die Sole anschließend wieder in den Untergrund gebracht. Die gewonnene Energie speist die Lithiumgewinnung. So schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe. Es wird nichts darüber ausgesagt, ob die Lithiumgewinnung aus dem Untergrund unter Umständen geothermische Projekte zur Gewinnung von Heizenergie in dieser Gegend beeinträchtigt. Aber sollte das der Fall sein, wird man sicher bald davon hören.