Wie sieht IT von hinten aus?

Wir sehen immer nur: noch schickere Geräte, noch höhere Auflösungen, noch flachere Bildschirme, noch mehr Apps, noch breitere Verbindungen, noch mehr Funktionen. Doch es gibt auch eine ganz andere Seite, und die geht im mit Milliarden gefütterten Marketinggebrüll der IT-Industrie häufig unter.
Es hat lange gedauert, aber im Moment sind gleich drei Filme auf dem Markt, die sich sozusagen mit der schmutzigen Rückseite der bunt schillernden IT-Welt befassen. Mit dem, was wir nicht sehen und hören wollen, wenn wir auf unsere supergeilen Gadgets gucken. Alle drei sind sehenswert, alle drei üben harsche Kritik an den Praktiken der IT-Industrie, und alle drei werden deshalb von großen Kinos kaum und schon gar nicht länger gezeigt. Das könnte einem ja den Appetit verderben auf die selbstverständliche Erneuerung elektronischer Geräte alle kurze Zeit und auf das automatische Ansteuern der großen sozialen Medien und Suchmaschinen jeden Tag, zigmal.
Da wäre einmal der von der preisgekrönten Dokumentarfilmerin Sue Williams und ihrem Team stammende Dokumentarfilm „Death by Design“. Er beschreibt, wie die angeblich so grünen Produktionsprozesse der IT sich im Silicon Valley und anderswo auswirken und was der Rücktransport des Elektroschrotts von den USA nach China anrichtet. Im Silicon Valley haben die großen IT-Riesen – hiervon machen wohl auch die angeblich besonders umweltbewussten und sozialfreundlichen keine Ausnahme – das Grundwasser durch die Aufbewahrung riesiger Mengen Lösemittelrückstände in unterirdischen Tanks großflächig gefährdet. Seit einiger Zeit wird versucht, die Verschmutzungen mit Hilfe auch staatlichen Geldes (eines sogenannten Superfunds) wieder aufzuräumen – was nach Angaben von Fachleuten in dem Film wohl Jahrhunderte dauern wird, da sich die gefährlichen Stoffe, neben Lösemitteln auch Schwermetalle und anderes, eben sehr langsam zersetzen. An anderer Stelle sind überproportional viele Menschen an Krebs erkrankt, weil laut Film Schadstoffe aus IBM-Produktion durch den Kellerboden in Häuser eingedrungen sind und dort die Bewohner gesundheitlich beeinträchtigen. Es gab schon Vergleiche mit Big Blue, doch wie sie genau aussehen, darüber werden die Betroffenen und ihre Anwälte zum Schweigen verdonnert.
In China, wohin heute die dreckige Produktion wegen geringer Kosten und noch geringerer Kontrollen gern ausgelagert wird, werden von vielen Fabriken die Abwässer komplett ungeklärt in den Fluss geleitet. Kommt eine Kontrolle, so berichtete ein Mitarbeiter eines Unternehmens anonym, füllt man einfach Trinkwasser statt der Dreckbrühe in Flaschen, und diese plumpe Betrugsmethode geht durch. man sieht unvorstellbar verschmutzte Kloaken, die sich am ehesten noch mit einigen Flüssen im Ruhrgebiet vor der Entwicklung einer effektiven Umweltgesetzgebung zum Wasserschutz hierzulande vergleichen lassen.
Dass die Arbeitsbedingungen beispielsweise bei Foxconn oft miserabel sind, ist zur Genüge bekannt. Doch das Interview mit einer, die aus Verzweiflung bei Foxconn aus dem Fenster sprang und nun querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt, berührt trotzdem. In den Recyclingfabriken von Guiyu zeigt der Film, wie Kinder im Dampf verbrennender Kabelummantelungen spielen oder einzelne Bauelemente sortieren.Dass es in amerikanischen Städten und Gemeinden, wie der Film anschaulich belegt, nicht besser aussieht, wenn sie vom recycling von Elektroschrott leben, beruhigt leider nicht wriklich.
Ein bisschen Hoffnung verbreitet der Film immerhin: Gegen Ende werden innovative Unternehmen vorgestellt, die versuchen, etwas zu ändern. Etwa Ifixit, ein Unternehmen für Spezialwerkzeug und Reparaturanleitungen für Smartphones oder ein irisches Unternehmen, das sich gerade bemüht, einen wirklich dauerhaft nutzbaren, aus möglichst nachhaltigem Material hergestellten PC zu entwickeln und vor allem zu vermarkten. Zwar wurde die Firma auf der letzten Cebit preisgekrönt, allein der Ansturm der Käufer oder Distributoren blieb aus.
Nun habe ich schon viel verraten, aber Trailer und Film lohnen sich trotzdem. Wenn sich ein Kino in Ihrer/Eurer Gemeinde traut.
In eine ganz ähnliche Kerbe haut „Welcome to Sodom“ (Trailer hier). Nur geht es in diesem Film um die liebste Elektronik-Müllkippe der Europäer, die sich in Afrika befindet. Leider habe ich in München noch kein Kino gefunden, das diesen Film zeigt – das wäre mal eine Aufgabe für die FilmaktivistInnen von den Programmkinos, denn die Großen werden sich mit diesem harten Stück dokumentarischer Filmarbeit wohl kaum die Finger schmutzig machen. Ich bin gespannt, wann wir im bayerischen Silicon Valley die Chance haben werden, den Documentary zu sehen.
Film Nummer Drei befasst sich mit einer anderen Art von Müllabfuhr, nämlich der geistig-emotionalen. Ich habe „The Cleaners“ gestern abend auf ARTe im Dokuemtnarfilmprogramm gesehen. Im Kino war er schon. Er sei all jenen anempfohlen, die sich dafür interessieren, wie die Großen (natürlich im Rahmen von mit reichlichen Schweigepflichten garnierten Outsourcing-Verträgen mit philippinischen Firmen) der sozialen Medien ihre Kanäle „sauber“ halten. Der Film lässt ehemalige Cleaner zu Wort kommen, ehemalige Führungskräfte aus Social-Media-Unternehmen, gelegentlich Herrn Zuckerberg bei einer seiner Ansprachen. Er zeigt auch Auszüge aus US-Kongresshearings, in denen es um den Einfluss der sozialen Medien auf die politische Meinungsbildung geht. Die Zuschauer erfahren etwas über die Ambiguität der Entscheidungen, ob etwas online bleibt oder nicht, von den durchaus diskussionswürdigen Wertvorstellungen und dem Selbstverständnis der weitgehend von den Philippinen stammenden professionellen „Cleaner“ im Dienst der Outsourcing-Firmen und auch davon, was dieser extrem fordernde Job mit ihnen macht und was sie täglich im Sekunden-Rhythmus mit ansehen müssen. Nur wenige Sekunden haben sie Zeit für die Entscheidung, ein Bild zu löschen, wenn es den Regeln des jeweiligen Social-Media-Unternehmens nicht entspricht, und ihre Arbeit wird kontrolliert.
Wer sich dafür interessiert, wer für die Social-Media-Sucht der Gesellschaft den Preis zahlt, wer die Dreckarbeit macht und was es bedeutet, wenn schwer kontrollierbare Privatfirmen entscheiden, was Milliarden zu sehen bekommen und was nicht, sollte sich The Cleaners nicht entgehen lassen. auch wenn die Betätigung des Like-Buttons danach etwas schwerer fallen dürfte. Der Film dürfte noch eine Weile in der Arte-Mediathek zu finden sein.

Über KI und Klimawandel

Was haben KI und Klimawandel miteinander zu tun?
Ein schönes Sommerthema: Draußen sind 36 Grad Celsius, die Isar hat die Temperatur eines gut geheizten Freibades, am Himmel stehen ein paar halbherzige Gewitterwolken, und der Klimaforscher Latif hat verkündet, dass es in Europa seit Beginn der Klimaaufzeichnungen um 1,4 Grad im europaweiten Durchschnitt wärmer geworden ist (zur Erklärung: Der Anstieg von großflächigen Durchschnittstemperaturen in solchen Zeiträumen ist eine Masse, auch wenn es wenig klingt) . Die Ernten in Deutschland sind hitzebedingt teilweise um ein Drittel gesunken, das wird die Preise für Grundnahrungsmittel nach oben treiben, und das freut dann wieder die, die sowieso kein Geld haben. Arbeitslose, Rentner, Alleinerziehende.
Zurück zur KI. Die Medien sind voll damit, und irgendwie ist es viel sexier, sich damit zu befassen, ob uns die Algorithmen fressen, als damit, ob wir in Zukunft noch was zu Fressen haben. Im Herbst gibt es eine vom Bundestag organisierte eine Enquete zum Thema KI, und ich habe mir vorgenommen, genau zuzuhören. Wahrscheinlich wird sie, genau wie die Klimawandel/Nachhaltigkeits-Enquete vor ein paar Jahren, komplett im Web übertragen wird.
Interessant ist die Frage, ob die KI-Enquete letzten Endes genauso wirkungslos verpuffen wird wie die Klimawandel-Enquete. Zwar warnten dort ausgewiesene Spezialisten aller möglicher Couleur davor, die Sache zu verbaseln und zu lange mit durchgreifenden Maßnahmen zu warten. Dann kamen die Flüchtlinge, und das Thema war oder ist vergessen. Unser Kohlendioxid-Ausstoß steigt wieder, und ein Top-Thema ist zur Zeit, wie man die Flüchtlinge aus den Krisengebieten im Nahen Osten und aus Afrika fernhält oder wieder wegbekommt. Oder wie man die, die das wollen, davon überzeugt, dass das inhuman ist und außerdem gar nicht nötig, oder jedenfalls nicht so, wie es die Rechten wollen.

Es geht eindeutig nicht darum, wie man den Kohlendioxidausstoss (unseren) schnellstmöglich runterbekommt. Dabei wäre das sicher angesichts der im wahrsten Sinne des Wortes Verwüstung in vielen Gegenden eine sehr wichtige Maßnahme, um afrikanischen Ländern Spielraum zur Entwicklung zu geben, damit die Leute dort überhaupt bleiben können. Und wer nicht bleiben kann, geht. Da werden auch die höchsten Zäune der Welt nichts dran ändern.

Ach so, übrigens macht der Klimawandel nicht an der Schengen-Grenze halt. Er verwüstet auch in Spanien zusehends den Süden. Was werden wir wohl sagen, wenn spanische Klimaflüchtlinge vor unseren Haustüren stehen? Sie werden sich natürlich nicht so nennen, sondern einfach sagen, sie machten von ihrer Niederlassungsfreiheit Gebrauch. Die es in Europa noch gibt, man fragt sich, wie lange.
Was die Wirksamkeit der KI-Enquete angeht, denke ich, die Chancen, dass sie etwas verändert, stehen etwas besser als bei der Klima-Enquete, die wohl vor allem ein Beruhigungsmittel war, denn es fühlt sich viel besser an, viele Stunden über ein Problem zu reden und dann nichts zu tun, als einfach nur so nichts zu tun.
Doch was sie (die KI-Enquete) verändern wird, das steht in den Sternen. Immerhin verspricht KI, wenn richtig gestaltet, möglicherweise irgendwelche wirtschaftlichen Gewinne für irgendwen. Wobei irgendwer derzeit vor allem mit F, M, A und G anfängt. Das Rätsel wird nicht aufgelöst. Man muss sie, die KI, also nur so regulieren, so jedenfalls die Theorie, dass alle freiwillig und gern ihre Daten hergeben. Und darum wird es wohl in der Enquete gehen, aber das ist derzeit natürlich nur eine Vermutung.
Während klimabewusstes Verhalten, seriös betrachtet, wohl letzten Endes hierzulande doch eher darauf hinausläuft, von vielem ein bisschen oder sogar ziemlich viel weniger zu machen. Vor allem von dem, was wir heute so richtig geil finden: Konsumieren, was das Zeug hält, in der Gegend rumfliegen, bis wir die Flughäfen kaum noch auseinanderhalten können, und unsere IT-Geräte alle kurze Zeit erneuern. Damit, das zu lassen, lässt sich eher kein Geld verdienen, oder jedenfalls nur in Maßen, und das next big dig Ding (das nächste größte digitale Ding) kommt so auch nicht in die Welt.
Dafür steigt die Chance, dass noch ein paar mehr Generationen hier einigermaßen existieren können, aber wen interessiert das schon, die meisten sind ja schon froh, wenn sie die nächste Woche geplant kriegen.
Kurz, man kann der KI-Enquete hoffnungsvoll entgegensehen, jedenfalls hoffnungsvoller als der Klima-Enquete. Genau wie dem nächsten Sommer, der wahrscheinlich noch heißer wird als dieser schon.

Social Media: Kannste knicken

Mit einem kleinen Büchlein hat ein profilierter Kritier des derzeitigen Digital(un)wesens, Jaron Lanier, dargelegt, warum er, um in seinem Jargon zu bleiben, die derzeitigen Sozialen Medien Scheiße findet. In seiner Schärfe kann man seine Kritik allenfalls mit der von Spitzner („Digitale Demenz“) oder der von Evgeni Morozov („Smarte Neue Welt“) stellen. Allerdings, und das gibt der Sache mehr Relevanz: Lanier guckt von innen. Er ist selbst einer der Pioniere der VR (Virtual Reality) und ist nach Jahren bei einer der Digitalkraken Nummer 1, Google, nunmehr zu Microsoft umgesattelt.
Und das ist vielleicht eine Schwäche seiner Argumentation, die sich vor allem gegen Google und Facebook als Monopolisten des Sozialen im Web richtet. Denn AWS, Microsoft und Apple reiht er in eine andere Liga ein – weil sie auch noch mit anderem ihre Geschäfte fundieren als mit den Daten ihrer Nutzer (AWS verkauft Bücher, Rechenleistung und bald alles, Microsoft versorgt Büros mit nützlichen oder weniger nätzlichen Softwaretools und Apple hat todschicke Rechner und Smartphones im Angebot, die man tatsächlich kaufen kann – doch dazu später).
Laniers Fundamentalkritik entzündet sich am Kern der Imperien von Google und Fachebook: daran, dass sie mit Algorithmen, die durch ihr gerade im richtigen Maße erratisches Verhalten das Dopaminsystem des Menschen triggern, ihre Nutzer damit zu Abhängigen machen. In diesem Zustand nun spuckt ein Nutzer durch seine permanenten Interaktionen mit den Plattformen Daten in beliebiger Menge aus, die sich wiederum in kommerziellen Erfolg der Plattformen umsetzen lassen, indem fein abgestimmte, oft banal anmutende, aber nachweislich wirksame Kaufanreize präsentiert werden oder indem man die Daten einfach meistbietend zur tiefergehenden Analyse an den verkauft, der gerade daran interessiert ist. Cambridge Analytika lässt grüßen.
So verlieren laut Lanier die Einzelnen die Kontrolle über die Informationen, da sie nur noch gezeigt bekommen, was sie nach Meinung der Plattform interessieren müsste. Ganze Gesellschaften unterliegen erheblichen Manipulationsrisiken durch diejenigen, die die Mechanismen der digitalen Werkzeuge am besten durchschauen und ihre Mittel am skrupellosesten einsetzen. Der Brexit lässt grüßen.
Lanier meint, des Pudels Kern liege darin, dass Soziale Medien im Interesse ihrer Inserenten arbeiten und nicht vor allem im Interesse ihrer Nutzer. Das ließe sich, so glaubt er letztlich, aushebeln, indem man sie komplett neu konzipiert und zum Beispiel für die Nutzer kostenpflichtig macht, weil dann die Plattformen in deren Dienst arbeiten würden. Vorerst rät er Anwendern, ihre Social-Media-Accounts samt und sonders zu kündigen und damit eine unmissverständliche Botschaft an die Sozialkraken überm Teich zu senden: So nicht. Gleichzeitig ist er aber klarsichtig genug zu erkennen, dass das für viele gar nicht möglich ist. Und dies nicht nur, weil der Arbeitgeber gern möchte, dass sein Mitarbeiter oder seine Mitarbeiterin im Web präsent ist. Sondern weil beispielsweise jedes Android-Handy einen zum Mitglied des Google-Stammes und jedes iPhone zu einem des Apple-Tribe macht. Tertium non datur, wie die Lateinerin sagt: Ein Drittes gibt es nicht, schade, Microsoft, dass Du die Alternative, die Dein Mobile immerhin darstellte, vom Markt genommen hast. Selbst, wenn es nicht so viele Apps dafür gab. Und das auch nur wieder wegen des schnöden Geldes.
Was ich an dem Buch besonders gut fand, ist, dass Lanier mit knappen Worten den KI-Mythos entlarvt. Ein Zitat: „Es ist völlig normal, einem Manager… dabei zuzuhören, wie er sich über die Möglichkeiten der kommenden Singularität auslässt, in der die KIs die Herrschaft übernehmen. … Das ist Schwachsinn. Wir vergessen dabei, dass KI eine Geschichte ist, die wir Kybernetiker vor langer Zeit erfunden haben, um an Forschungsgelder zu kommen… Damals war es eine Notlüge, aber inzwischen hat die KI sich selbständig gemacht und ihre Erfinder überholt. KI ist nur eine Phantasie, ein Märchen, das wir über unsere Programme erzählen.“ So isses, und viel mehr gibt es auch dazu nicht zu sagen. Zudem entwerteten KI-Verfechter menschliche Arbeit, sagt Lanier, indem sie menschliche geistige Leistung in Algorithmen eingeben und dann behaupten, der Algorithmus habe die intellektuellen Leistungen, die er abbildet, quasi selbst erarbeitet. Sein Beispiel sind Übersetzungsalgorithmen. Sie werden zwar immer beser – aber nur deshalb, weil sie täglich von den unzähligen Übersetzungen lernen, die menschliche Übersetzer leisten. Gerade da macht Microsoft übrigens leider überhaupt keine Ausnahme, Herr Lanier. Seine für Office 365 gelieferten Algorithmen zum Übersetzen dürften schon sehr bald die überwiegende Menge der Brot-und-Butter-Übersetzer, die ihr Geld mit im Wirtschaftsleben nützlichen Übersetzungsarbeiten verdienen, komplett arbeitslos machen.
Allerdings finde ich, dass Laniers Kritik auch anderswo zu kurz greift. Denn die Maßlosigkeit der Digitalgiganten ist eigentlich durch etwas anderes bestimmt als durch die Algorithmen: Durch die Idee, dass Größe und Gewinn mehr oder weniger der einzige Maßstab des Unternehmenserfolgs sind, dass Regulierung bäh ist, der Staat sich möglichst aus allem herauszuhalten habe, weil die Wirtschaft das dann schon selbst regelt und überhaupt das ganze neuliberale Blabla, mit dem wir in den vergangenen Jahrzehnten vom anderen Ufer des Teiches aus überschüttet wurden und das leider auch hier Früchte getragen hat. Erinnert sei an die oberpeinliche Werbekampagne eines Bankunternehmens, in dessen Zentrum schlicht das Wörtchen „ich“ stand (und das war keine Ausnahme).
Und auch Firmen wie Netflix (von Lanier als gutes Beispiel bezeichnet) schustern ihre Serien mit analytischen Mitteln zusammen – Ziel ist einzig, Anwender so lange wie möglich an der Glotze bzw. dem Bildschirm zu halten. Und Amazon hat sich schlicht vorgenommen, den Einzelhandel der Welt zu monopolisieren und gleichzeitig deren Ressourcen möglichst schnell zu verbrauchen, indem man nicht Verkauftes schlicht wegschmeißt, weil man sonst Umsatzsteuer dafür bezahlen müsste. Die pleitegegangenen Einzelhändler können ja dann zu Google-Auslieferungssklaven werden, ehe sie das selbstfahrende Googlecar auch noch überflüssig macht.
Kurz: Lesen und dran reiben. Lohnt sich.
Jaron Lanier: Zehn Gründe, warum du deine Social-Media-Accounts sofort löschen musst. Hoffmann & Campe-Verlag, München, 2018, gebunden, 204 Seiten, ISBN 978-3-455-00491-5

Ists möglich? Produktion direkt für die Tonne

Online-Services machen es möglich: Bestellen, zurückschicken, vergessen. Dass es Amazon trotz möglicherweise hocheffektiver Rechenzentren mitnichten darum geht, die Welt oder gar die Umwelt zu schonen, legte neulich der Spiegel offen: Amazon vernichtet massenweise zurückgesandte Waren – egal, ob es sich nun um Kühlschränke, Stereoanlagen oder Taschenbücher handelt. Hier zeigt sich der IT-technisch perfekt befeuerte ultimativ beschleunigte Konsumkreislauf: Heute gebaut, morgen verkauft, übermorgen rezykliert, alles Beiträge zum Wirtschaftswachstum und das ganz ohne lästige Gebrauchsphase zwischendurch, die doch nur den Wiedereintritt der verbrauchten Rohstoffe in den Kreislauf behindert und damit so gar nichts zum Wachstum beiträgt… Weiter so, Amazon. Eine echte grüne Empfehlung.

Eine neue Initiative für digitale Nachhaltigkeit

Der Bundesdeutsche Arbeitskreis für umweltbewusstes Management (B.A.U.M.) und die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) wollen dafür sorgen, dass IT und Digitalisierung nachhaltiger werden und dazu verwendet werden, nachhaltige Geschäftsnodelle zu entwickeln. Besonders konzentrieren sich die beiden Verbände auf den Mittelstand. Mittel zum Zweck ist eine neue Internetplattform, Nachhaltig.digital, auf der Wissenschaft und Praxis vernetzt, Lösungsansätze vorgestellt und Folgeaktivitäten angestoßen werden sollen. Letztlich will man damit dazu beitragen, dass durch die Digitalisierung verursachte Dematerialisierungseffekte nicht gleich wieder durch Rebounds, also Mehrverbrauch, wieder aufgefressen werden. Auftaktaktivität war ein Kongress, zu dem rund 100 „Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft“ erschienen, wie es in der Pressemeldung zur Plattform Nachhaltig.Digital heißt.
Bei einem Besuch auf der Seite zeigte diese sich noch recht leer, was allerdings wegen des frühen Stadiums des Projekts auch kein Wunder ist. Eine Komponente ist eine Deutschlandkarte, auf der Akteure und Erfolgsgeschichten um Nachhaltigkeit und Digitalisierung markiert werden, so dass man sie anklicken kann.
Ob das Projekt tatsächlich dazu führt, dass die deutsche Wirtschaft nachhaltiger wird, muss abgewartet werden. Dazu wäre wohl neben einer Website und gutem Willen auch nötig, über gravierende Veränderungen nachzudenken, die das Wirtschaftswachstum nicht unbedingt positiv beeinflussen, etwa auf einen Verzicht auf Fernflüge.

Deutsche Unternehmen schlecht auf EU-Datenschutzgrundverordnung vorbereitet

Zur Nachhaltigkeit in der IT gehört m.E. auch, dass man die Datenschutzrechte von Nutzern achtet. Dafür soll europaweit einheitlich ab Mai 2018 die EU-Datenschutzgrundverordnung sorgen. Doch um die Implementierung dieses Werks sieht es im Moment schlecht aus. 44 Prozent haben noch keine Mapnahmen ergriffen, 28 Prozent noch nicht einmal geplant. Kaum ein Unternehmen glaubt daran, dass die Konsequenzen von EU-DSGV-Verstößen schwerwiegend sein könnten, allenfalls vor reputationsverlusten fürchtet man sich stark.
– 36 Prozent wissen nicht, ob Daten an Dritte übertragen werden und welche
– 34 Prozennt kennen Löschfristen nicht
– 33 Prozent wissen nicht, welche Anwendungen Daten verarbeiten
– 27 Prozent wissen nicht genau, wer auf die Daten Zugriff hat
– und 23 Prozent wissen nicht, wo personenbezogene Daten gespeichert werden.

Auch wenn nur 251 Unternehmen befragt wurden, lässt das Ergebnis nur einen Schluss für alle Unternehmen zu, die von der EU-DSV betroffen sind: AN DIE ARBEIT!

OASIS-Projekt gegen Internetsucht: Schon 10.000 Beratungen, mehr Webcam-Counseling geplant

„Im Rahmen von webcam-basierten Sprechstunden möchten wir die Betroffenen dort abholen, wo die Sucht ihren Anfang genommen hat: im Internet selbst“, beschreibt Bert Theodor de Wildt, OASIS (Online-Ambulanz-Service für Internetsüchtige)-Projektleiter, Ärztlicher Psychotherapeut und Leiter der Ambulanz der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Ruhr-Universität Bochum im Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) seine Pläne für die Weiterentwicklung des im September 2016 gestarteten Projekts. Es hat bislang etwa 10.000 Süchtige über 14 Jahren beraten, Angehörige wenden sich eher seltener an die Stelle. Wer meint, er oder sie könnte internetsüchtig sein, kann online auf der Website der Beratungsstelle einen Test absolvieren. Suchtverdächtige absolvieren zunächst zwei 50minütige Online-Sprechstunden, ehe sie sich persönlich in einer der Fachambulanzen deutschlandweit vorstellen, an die sie bei Bedarf vermittelt werden. Internetsucht wird von den Krankenkassen noch nicht eindeutig als Erkrankung anerkannt.

IEEE P7000: IT-Community will Ethik in Software designen

Nachdem die Welt langsam begreift, dass AI, Big Data und IoT nicht automatisch zur besten aller Welten führen, beginnen nun endlich auch in der Technologie-Community substantielle Aktivitäten, um dafür zu sorgen, dass Ethik bei der Erstellung intelligenter Software und autonomer Gerätschaften von Anfang an mitgedacht wird. Das ist eine große Chance, könnte es doch verhindern, dass eingefleischte Vorurteile (gegen Religionen, Ethnien und „Rassen“, sexuelle Orientierungen und Identitäten, Behinderung oder sonstwas) sich am Ende so tief versteckt in Algorithmen wiederfinden, die beispielsweise über Kredite oder Wohnungsvergaben entscheiden, dass wir sie kaum wieder herausbekommen. Neben Gesetzesinitiativen, wie sie jetzt Bundesinnenminister Heiko Maass anstrebt und deren Effizienz herzustellen schwierig sein dürfte, so lange sie nicht auf internationalen Abkommen beruhen, gibt es nun Anstrengungen der Tech-Community, allen voran der IEEE. Sie arbeitet mit der P7000-Familie an einer ganzen Serie von Standards zum ethischen Systemdesign besonders autonomer Systeme und AI-Algorithmen. Anders als viele andere Standards sollen die Arbeitsergebnisse zumindest teilweise frei unter Creative-Commons-Lizenz verfügbar sein. Über den aktuellen Stand der Dinge informiert eine frei zugängliche Broschüre, die jährlich erneuert wird. Ausdrücklich forderte Kay-Frith Butterfield, die an führender Stelle an der Organisation des Standardisierungsprozesses beteiligt ist, zur Mitarbeit auf – derzeit sind einige Arbeiten offen für die Kommentierung. Grundsätzlich sei jeder Technologie- und Ethikexperte qualifiziert, mitzumachen – wichtig sei dies besonders für Junge, denn sie müssten in der Welt leben, die nun designt würde, sagte sie auf einem im Münchner Deutschen patent- und Markenamt anlässlich eines weltweiten Kongresses zum Thema „Ethisches Design für Industrie 4.0“. Also, auf ans Werk!

Summary:IEEE P7000 Working Group is working on standards for ethical IT systems design with respect to AI and autonomous vehicles. Work shall be at least partly feely available under a Creative Commons license. Freely downloadable: A brochure supposed to be reworked every year containing the state of the art.

Umwelthoffnung Additive Fertigung

Die Additive Fertigung – die Herstellung von Teilen (vom Ersatzteil bis potentiell zur fertigen Maschine) durch Laserdruck nach dreidimensionalen CAD-Plänen – könnte in einigen Jahren die Fertigungstechnik revolutionieren. Denn sie spart Unmengen an Material und auch an Transporten. Ersatzteile zum Beispiel können mit der Technologie aus dem entsprechenden Materialpulver direkt vor Ort gedruckt werden. Außerdem werden neue Designs möglich, die sich heute schlicht aus Gründen der Fertigungstechnik nicht oder nur übermäßig teuer realisieren lassen, beispielsweise Werkstücke, bei denen ein Teil kompliziert mit einem anderen verschränkt ist oder sehr unregelmäßige Flächen hat. Ein Beispiel dafür gab es bei GE Digitals Tagung Minds + Machines in Berlin zu sehen. Gezeigt wurden (siehe Bild) der massive Materialblock, aus dem das entsprechende Werkstück herausgefräst wurde, die dabei anfallenden Späne und das Werkstück selbst. Gleichzeitig präsentiete GE dasselbe Werkstück gedruckt – durch diese Methode war eine etwas andere Form möglich – zeigte die vergleichsweise winzige Menge Pulver, aus dem der Druck entstanden war und den zustande gekommenen Produktionsabfall, vor allem einige Grate, die nach der Produktion entfernt worden waren. Die Kapazität der Laserkammern, in denen gedruckt wird, ist zwar noch nicht so hoch, soll aber steigen. GE Digital bringt demnächst ein Gerät mit einem Kubikmeter Fassungsvermögen auf den Markt – prinzipiell sind nach oben keine Grenzen gesetzt, doch liegen die Probleme hier wohl wahrscheinlich im Detail. Das auf der Veranstaltung gezeigte Gerät, mit dem GE während der Veranstaltung ein Emblem mit seinem Logo drucken ließ, um die Technik zu demonstrieren, verbraucht nur 200 Watt.
Warm anziehen müsste sich in Zeiten der additiven Fertigung wohl aber der deutsche Maschinenbau. Der verkündet zwar den forcierten Einstieg in optische Technologien, doch senkt die additive Fertigung grundsätzlich die Einstiegsbarrieren in die Branche, so dass es gut möglich ist, dass in einigen Jahren auch in bisher auf diesem Markt wenig sichtbaren Ökonomien neue Unternehmen auftauchen, die sich das zunutze machen.