Im Dezember viele Hoffnungen auf eine grünere IT, aber auch viele offene Fragen

Am Ende des Jahres gab es nochmal ein Feuerwerk der guten Laune, was IT und das „grüne Thema“ anging. Nicht nur, dass mehrere internationale IT-Konferenzen die grüne Thematik nach ganz oben hoben. Beispiele sind die Rechenzentrumskonferenz Datacenter Dynamics Europa 2020 (Überblicksbericht hier oder der weltweite OCP-Summit (Berichte hier allgemein und hier zum Thema Immersionskühlung .
Auch in Deutschland wurde das Thema „Nachhaltige IT“ plötzlich regierungsrelevant und zum Motto des Digitalgipfels (Überblicksbericht hier). Dort treffen sich schon seit vielen Jahren die Obersten der Branche, Politik einschließlich Kanzlerin und Presse, um zu beschwören, dass Europa in Sachen IT endlich der Anschluss zur Weltspitze gelingen muss. Dieses Mantra wiederholt sich seit etwa 20 Jahren, und auch das Versprechen, dass Europa dank IT ganz schnell grün werden soll, ist immer wieder zu vernehmen, wurde aber bisher niemals eingehalten.

Der Druck steigt

Dennoch ist der Druck jetzt mächtig angestiegen – auf der einen Seite schieben die anspruchsvolleren Klimavereinbarungen der EU, auf der anderen die Anwender, die nun plötzlich von ihren Kolokateuren umweltfreundliches Verhalten verlangen, wie eine Studie von 451 Research im Aufrag von Schneider Electric belegt oder Städte wie Frankfurt, das nicht bereit ist, noch mehr Strom in Rechenzentren fließen zu lassen, weil die anderen auch noch etwas Saft brauchen. Oder Amsterdam, wo neue RZs jetzt Abwärmenutzung nachweisen müssen.
Dazu kommen neue Technologien, vor allem Künstliche Intelligenz und Maschinenlernen, samt leistungsfähigerer Prozessoren. Damit lassen sich Daten massenweise erheben und viel gründlicher analysieren als das bisher gelang. Hinweise, was sie nützen könnten, finden sich beispielsweise in einer aktuellen Studie von Cap Gemini.
Alles soll im Grunde mit allem vernetzt, dadurch jedes Fitzelchen Information geerntet, ausgewertet und dazu benutzt werden, Ineffizienzen und damit Energie- und Materialverschwendung aus allen möglichen Prozessen zu verbannen. Beispielsweise aus der Produktion, dem Verkehr, der Gebäudesteuerung und so weiter. Auch das berühmte Smart Grid wird ohne IT nicht funktionieren. Dazu wird versprochen, dass Tierwanderungen verfolgt, Verschmutzer dingfest gemacht und Wetterprognosen für die Landwirtschaft genauer gestaltet werden sollen.
Massenweiser IT-Einsatz als einziger Weg zur Nachhaltigkeit?
Alles zusammengenommen, sieht die Branche sich und die von ihr entwickelten Tools als die einzige Chance, Wirtschaft und Gesellschaft irgendwie nachhaltig zu machen. So verkündete der Branchenverband Bitkom, dass nach einer aktuellen Studie die IT, richtig eingesetzt, nahezu die Hälfte der nötigen Kohlendioxid-Reduktion schaffen werde.
Der Rest soll dadurch kommen, erklärte auf dem Digitalgipfel ein Verbandsverteter, dass alle Produkte und Dienstleistungen (digital abrufbare?) Informationen über ihre Klimawirkungen bekommen, und sich die Verbraucher ganz selbstverständlich die aussuchen, die weniger Kohlendioxid erzeugen. Aha. Das könnten sie auch heute schon, zum Beispiel im Bioladen. Sie tun es aber nicht, jedenfalls nicht mehrheitlich. Das erzeugt Zweifel an dieser Idee. Hoffentlich entpuppt sich die Vorstellung vom Allheilmittel IT nicht irgendwann als derselbe Irrtum wie der des Schreiners, der alles durch das Hereinhauen von Nägeln reparieren wollte, nur weil er zufällig einen Hammer hatte.
Die Politik jubelt also angesichts der potentiellen Chance, Wachstum und Ökologie dank Digitalisierung irgendwie unter einen Hut zu bringen, muss aber die Reboud-Effekte weltweit in den Griff kriegen. Man kann ja nicht von Ökonomien anderswo erwarten, dass sie das Wachstum einstellen, obwohl sie viel weniger pro Kopf verbrauchen und weniger Abfall erzeugen als wir (oder uns unseren abnehmen) und wir gleichzeitig weiter wachsen.
Wie das gelingen soll, ist noch unklar, aber immerhin scheint man langsam zu begreifen, dass die führenden Ökonomien hier auf die Nachholer Rücksicht nehmen müssen. Regulierung ist also notwendig, wahrscheinlich darf es davon eher etwas mehr sein, wenn wir ernsthaft vorankommen wollen. Und obenan steht dabei ein kontinuierlich steigender, happiger Kohlendioxidpreis auf alles und jedes, gekoppelt mit Kompensationszahlungen an die ärmeren Bevölkerungskreise. Der jetzige Preis (25 Euro ab 2021 pro Tonne) ist da bestenfalls ein kleiner Anfang. Sonst kann man das Thema getrost vergessen.

Und das Recycling?

Nach wie vor ungelöst bleibt die IT-Recyclingfrage, gerade, was die Funktionsmaterialien der IT angeht. Die sind oft in den Gerätschaften nur in Spuren vorhanden, und von Recycling kann man in Bezug auf sie nicht ernsthaft sprechen. Auf die während des Digitalgipfels gestellte Frage, wie es damit voranginge, wusste der derzeitige Chef von Zeiss in Jena, Herr Lamprecht, nur zu erwidern, es werde daran gearbeitet. Ob hierbei auch Erfolge zu verzeichnen sind, die über das Bisherige hinausgehen, sagte Lamprecht leider nichts, obwohl die Autorin per E-Mail nachhakte. Das geplante Recht auf Reparatur in der EU ist da ein kleiner Hoffnungsschimmer, denn die Müllberge wachsen dadurch langsamer. Das gibt den Wissenschaftlern Zeit, vielleicht doch noch ein paar schlaue Prozesse zu ersinnen, die das Recycling voranbringen.

Ansonsten kann man den Blick nur mit verdrehten Augen gen Himmel lenken, wo gläubige Geister schon immer Hoffnung und Inspiration suchen, teils auch ganz handfest. Wahrscheinlich sind das hektische Streben zu fernen Planeten und die erneute Besteigung unseres Trabanten ( ) auch darauf zurückzuführen, dass man hofft, auf diese Weise die zumindest mittel- bis langfristig lückenhaften Vorräte aufzufüllen. Das würde dann allerdings ziemlich teuer.
Wie dem auch sei: Ich wünsche allen, die ab und zu einen Blick in Nachhaltige IT werfen, ein frohes Fest und ein ebensolches Neues Jahr mit Impfung und ohne COVID-19 und hoffe, dass sie sich auch durch das derzeit etwas abgetakelte Design des Blogs nicht vom Nachlesen abhalten lassen. Denn das Thema Nachhaltige IT ist relevanter denn je.

Im Oktober: Green Cloud Computing“, Informatik2020, Zahlen zum Markt für Nachhaltigkeitstechnologie, E-Waste-Day, Anti-Trust-Klage gegen Google und eine Rezension

In den vergangenen Wochen gab es einige interessante Neuigkeiten im Bereich Green IT. S stellte im September das UBA (Umweltbundesamt die Ergebnisse seines Projekts Studie Green Cloud Computing vor. Das Werk entwickelt Maßzahlen für die Energieeffizienz von RZs und befasst sich sich auch mit umweltgerechtem Streaming. Die Veröffentlichung dazu findet man hier.

Informatik 2020

Weiter führte die Gesellschaft für Informatik eine große virtuelle Tagung, Informatik 2020, durch, in deren Programm es tatsächlich mehrere Vortragsreihen mit umweltrelevanten Themen gab. Zu vielen Vorträgen findet man den gesamten Vortragstext samt Kontaktinformationen online. So gab es den thematisch bunt gemischten Workshop „Umweltinformatik“ Dann einen weiteren Workshop mit dem Themenschwerpunkt KI in der Umweltinformatik. KI-Algorithmen unterschiedlicher Art lassen sich hier wegen des Datenreichtums und der vielfältigen Kreuz- und Querverknüpfungen von Umweltthemen anscheinende trefflich einsetzen. Weitere Workshops (Energie, Mobilitätssysteme, Ethik und KI) waren zwar ebenfalls aus der Perspektive der Umweltinformatik interessant, doch haben hier die Referenten ihre Vorträge nicht hinterlegt.
Dass man IT-Technologien gut für Umweltbelange nutzen kann (auch wenn sie selbst die Umwelt durch Abfall versauen, siehe unten), kann man an dem schnell wachsenden Markt für Green Technology und Nachhaltigkeit sehen. Den erforschte kürzlich Research and Markets und kam im September zu dem interessanten Schluss, dass die Nachhaltigkeitsindustrie, in der viel IT steckt, 2019 ein Marktvolumen von 8,3 Milliarden Dollar hatte. 2030, also in zehn Jahren, sollen es 57,8 Milliarden Dollar sein. Das dafür ursächliche Wachstum soll 20 Prozent jährlich betragen. Die wichtigsten Technologien sind dabei IoT, Analytics, die Cloud, Blockchain und digitale Zwillinge. Einsatzfelder sehen die Autoren in nahezu allen Bereichen der Umwelttechnik. Wer es genauer wissen will, muss die teure Studie kaufen, die Inhaltsangebe und ein paar Zahlen (siehe oben) finden sich hier.

E-Waste-Day

Wie alles auf der Welt „seinen Tag“ hat, so gibt es seit 2018 auch einen E-Waste-Day. Er war am 14. Oktober und wird vom WEEEforum ausgerufen. Gutes gab es nicht zu verkünden. Der Berg elektronischer Abfälle hat sich gegenüber vor fünf Jahren um gut ein Fünftel (21 Prozent) auf 53,6 Millionen Metrische Tonnen erhöht, davon wurden nur 17,4 Prozent gesammelt und rezykliert. Wenn wir weiter alle so fleißig wie bisher Elektrogeräte und IT-Geräte und Smartphones kaufen, die nicht reparabel sind, und sie bei der kleinsten Macke entsorgen, dann wird der Berg ganz bestimmt bis 2030 die prognostizierten 74 Millionen Tonnen erreichen. Eine gigantische Verschwendung wertvoller Materialien, die wir irgendwann werden aus dem Mond oder anderen Himmelskörpern herauskratzen müssen, weil wir zu blöd waren, rechtzeitig an die Recycling-Fähigkeit unserer Technologien zu denken.
Wer genaueres zu den Zahlen wissen will, findet ausführlichstes Material im Global E-Waste-Monitor 2020. Den kann man kostenlos herunterladen.
.Europa erzeugte übrigens 16,2 Kilo pro Kopf und damit pro Kopf am meisten weltweit, rezykliert aber 42,5 Prozent und ist damit ebenso Nr. 1.
Wer Spaß am Rätseln hat: TCO Certified, die schwedische Zertifizierungsorganisation, rückt dem Thema mit einem kleinen Online-Quiz zuleibe.

Antitrust gegen Google

Nun geht es dem Monopolisten also endlich an den Kragen: Trump hängt Google ein Antitrust-Verfahren an den Hals. Damit keine Irrtümer aufkommen: Ich finde Trump schrecklich. Ich würde ihn nie wählen. Ich finde aber auch Monopolisten schrecklich, weshalb ich Google genau dann direkt nutze, wenn nichts anderes übrig bleibt. Deshalb begrüße ich jetzt das Anti-Trust-Verfahren gegen Google, auch wenn es aus der falschen Ecke kommt.
Außerdem finde ich, Facebook und Amazon gebühren ähnliche Schritte, und zwar in nicht allzu ferner Zukunft.
Ich bedauere es außerordentlich, dass sich zu diesem Schritt keiner der politischen Exponenten herbeifinden konnte, die mir in ihrem Denken und Handeln weitaus näher stehen als ausgerechnet der größenwahnsinnige Psychopath überm Teich. Aber wahrscheinlich braucht es genau diesen Größenwahn, um nicht vor dem Suchmaschinengiganten gleich vorbeugend in Knie zu gehen. Hoffentlich verfolgt auch Biden, so er denn gewählt wird (und das wäre absolut wünschenswert) diese Klage weiter.

Wie entwickelt sich die Welt durch Corona weiter?

Sehr interessant übrigens auch ein neues Buch aus dem transcript-Verlag, das sich in einer ganzen Reihe von Beiträgen damit befasst, wie sich die Welt durch COVID verändert. Dabei geht es quer durch den Gemüsegarten: Sozialwissenschaften, Medizin, Wirtschaft, Politik und Geschichte kommen zu Wort, Digitalisierung taucht in vielen Artikeln als Querschnittstehema auf.
Einer der Autoren fand zu einer sehr interessanten Diagnose: Die hoch gepriesene KI habe sich im Angesicht der Pandemie zumindest im Umgang mit Ansteckungsgefahren als nicht besonders nützlich entpuppt, vielmehr seien hier uralte Mechanismen wie Masken, (Selbst)isolation und so weiter nach wie vor die wirksamsten Vorgehensweisen. Allerdings hat sich dieser Autor nicht über das Thema Medikamentenentwicklung ausgelassen. Ich gehe davon aus, dass die KI-unterstützte Suche nach passenden Molekülen, um das Virus auf die eine oder andere Art schachmatt zu setzen, durchaus von KI im Hintergrund befeuert wird. Aber Konkretes gelesen habe ich darüber noch nichts, und deshalb kann diese an sich plausible Annahme auch falsch sein. Das Buch lohnt auf jeden Fall, wenn man etwas tiefgründiger und breiter über die gesellschaftlichen Auswirkungen von COVID spekulieren und dabei die Grenzen seines Faches (Informatik) gern mal verlassen will.
Deshalb hier kurz die Bibliographie: Bernd Kortmann, Günther G. Schulze (Hg.): Jenseits von Corona. Unsere Welt nach der Pandemie – Perspektiven aus der Wissenschaft. Serie X-Texte zu Kultur und Gesellschaft. Broschiert, 314 Seiten. Transcript-Verlag, Bielefeld 2020. ISBN 978-3-8376-5517-9, Print 22,50, als E-Book 19.99
Und nun ein Wort zum Schluss: Bücher kauft man bei seinem liebsten stationären Buchhändler. Der oder die bestellt sie genau so schnell wie Amazon, hat Telefon (fürs Bestellen), liefert während Corona wenns sein muss per Fahrrad und schafft Arbeitsplätze ganz in Ihrer Nähe.

Im Sommerloch: E-Müllberge, sparsames Streaming und Lithium ohne Kohlendioxid

Das Sommerloch macht sich auch hier im Blog bemerkbar, unter anderem in einem (hoffentlich vorübergehenden) Verlust der Bildelemente. Die Autorin genießt es nach den Monaten des Lock-In vor die Türe zu gehen, wobei der Laptop schlicht zu Hause bleibt. Die Folge: Löchrige Coverage. Naja, liebe LeserInnen, Sie werden es verkraften.
Nun kommt also die große Sommer-News. Und voraussichtlich die einzige bis Ende August.

E-Müllberge wachsen munter weiter

Was gibt’s zu berichten? Ein Zusammenschluss internationaler Organisationen, darunter die ITU (International Telecommunications Union) bringt 2020 den zweiten „Global E Waste Monitor“ auf den Markt. Auf der Website ist auch noch das Exemplar 2017 zu finden, so dass Interessierte auch vergleichen können. Den ersten Bericht dieser Art gab es übrigens 2014.
Die Ergebnisse sind einerseits ermutigend, andererseits frustrierend. Einige Kennzahlen: Immerhin gibt es inzwischen in 78 (von über 180) Ländern irgendwelche Gesetze, Regeln oder Regulierungsbestimmungen hinsichtlich der Entsorgung von Elektroschrott. 2014 waren es 67, 2017 67 Länder. Wenn es so weitergeht, dann dürften 2030 alle Länder irgendeine Regulierung haben. Das ist eigentlich zu spät, deshalb dalli!
Der globale Elektromüllberg ist auf 53,6 Megatonnen (1 Mt entspricht 1 Million Tonnen) angeschwollen. Das entspricht pro Person 7,3 Kilo Elektroschrott. Die Menge soll ungebremst weiter wachsen – bis 2030 auf 74,7 Mt global. Den meisten Elektroschrott pro Kopf erzeugen die Europäer: 16,1 Kilo pro Kopf und Jahr . Am wenigsten ist es in Afrika, nämlich 2,5 Kilo pro Kopf. Vieles davon dürfte direkt aus Europa stammen und in Afrika ein zweites Nutzungsleben absolvieren.
Nur 17,4 Prozent des gesamten Bergs werden dokumentiert und geordnet entsorgt – das entspricht 9,3 Mt. Der Rest – 82,6 Prozent oder 44,3 Mt, wandert irgendwie irgendwohin. Das muss nicht heißen, dass all das auf wilden Müllkippen in Afrika landet. Die Exportrate liegt bei 7 bis 20 Prozent, wobei die Güter entweder nochmals genutzt oder aber tatsächlich ungeordnet rezykliert respektive verbrannt werden. 8 Prozent landen in Mülleimern der Erzeugerländer statt auf dem Wertstoffhof und damit all die wertvollen Stoffe, die in den elektronischen Helferlein schlummern.
Würde man all das, was an wertvollen Rohstoffen in den nicht geordnet erfassten und rezyklierten Elektrogeräten schlummert, ausbeuten, dann entspräche das jährlich einem Wert von 57 Milliarden US-Dollar. Dazu kommen ungezählte nicht geleistete Bergarbeiterstunden, Minen-Sprengungen, Abwasserseen etc, denn was nicht abgebaut wird, erzeugt auch keinen Abraum. Was für eine Verschwendung! Der Wert der Rohstoffe dürfte übrigens jetzt schon wieder höher sein, denn der Goldpreis ist heftig angestiegen. Außerdem gelangen durch fehlende Entsorgungs- und Rezyklierungsstrukturen größere Mengen gesundheitsschädlicher und teils hochgiftiger Stoffe in die Umwelt.
Nun kommt das Erfreuliche für Europa: Die Europäer erzeugen zwar den meisten Elektroschrott, aber sie rezyklieren auch am meisten, nämlich 42 Prozent ihres Elektroschrotts. Die Nummer 2 auf diesem Gebiet ist Asien mit 11,7 Prozent, die übrigen Kontinente sind einstellig. Ausruhen sollte man sich darauf aber nicht. Also, Leute, packt endlich Eure Keller und Schubladen aus, diese unerkannte Rohstoffhalde, und schleppt das Zeug zum Wertstoffhof, damit Eure Enkel die Rohstoffe fürs Handy nicht auf dem Mars suchen oder sich wieder per Buschtrommel verständigen müssen.

Streaming: so geht’s ohne Stromverschwendung

Eine weitere nette Studie aus den vergangenen Wochen beschäftigte sich mit dem beliebten Thema Streaming, gerade zu COVID-Zeiten ganz bestimmt eines der Lieblingshobbies signifikanter Bevölkerungskreise. Das Werk stammt vom meinerseits sehr geschätzten Borderstep-Institut in Berlin, das sich sehr bemüht, IT und grüne Ziele unter einen Hut zu bekommen. Zu finden ist das Papier hier.
Das Wichtigste in Kürze, nachlesen lohnt sich fürs Detail: Eine Stunde Videostreaming verursacht in Full HD einen Stromverbrauch von 220 bis 370 Wh und 100 bis 175 Gramm Kohlendioxid. Gern bemüht wird der Vergleich mit dem Autofahren – das entspricht nämlich rund einem Kilometer mit dem Kleinwagen. Diesen Kilometer hätte man besser auch noch zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt, aber beim Streaming geht das leider nicht.
Es gibt einige Methoden, wie man den Energieverbrauch beim Streaming richtig schön aufblasen kann: riesige Bildschirme, 4K-Auflösung statt HD (pusht den Verbrauch auf Vier- bis Sechsfache, nämlich fast 1300 Wh, das sind dann sechs Autokilometer).
Sparen tut, wer sich mit etwas mehr Grisseligkeit und einem kleineren Bildschirm zufrieden gibt. Smartphone oder Tablet sind energetisch ideal, der Notebook geht auch noch. Die modischen Gigantenfernseher dagegen sollte man eher nicht nutzen, so hässlich, wie die sind, ruinieren sie sowieso die Ästhetik jedes Wohnraums. Dann doch lieber nett aneinandergekuschelt gemeinsam in ein handliches Endgerät starren. Außerdem müssen die Netz- und RZ-Betreiber die Effizienz ihrer Anlagen erhöhen so weit wie möglich und regenerative Energien verwenden, damit sich die Streaming-Bilanz verbessert.

Lithium für Batterien aus Europa

Lithium hat sich inzwischen wegen seiner Verwendung in Batterien zum kritischen Material entwickelt. Derzeit findet die Förderung ausschließlich weit weg, teils unter unerfreulichen Arbeitsbedingungen, hohem Kohlendioxid-Ausstoß und großen Umweltbeeinträchtigungen statt.
Nun hat ein Konsortium, dem unter anderem Vulcan Energy Resources, und EIT Inno Energy damit begonnen, eine Lithium-Förderanlage ohne Kohlendioxidausstoß nach einem von Vulcan entwickelten Verfahren zu errichten. Ich wüsste selbst gern, was genau EIT Inno Energy ist, aber eine Recherche auf der Website dieses Unternehmens scheiterte an einer extrem unflexiblen Cookie-Freigabe: Man konnte lediglich alle Cookies – allein 23 Marketing-Cookies – annehmen und sich nicht entscheiden, nur funktionale zuzulassen, und so was boykottiere ich. Es geht nämlich auch anders.
Jedenfalls wird jetzt, wie Doreen Rietentiet vom auf Energiethemen spezialisierten Beratungsunternehmen DWR Eco in einer Pressemeldung berichtet, dieses Projekt im Oberen Rheingraben aufgebaut und soll ab 2023 fördern. Dabei wird im Rahmen einer geothermischen Anlage heiße Sole aus dem tiefen Untergrund gesogen, Energie und Lithium werden entladen und die Sole anschließend wieder in den Untergrund gebracht. Die gewonnene Energie speist die Lithiumgewinnung. So schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe. Es wird nichts darüber ausgesagt, ob die Lithiumgewinnung aus dem Untergrund unter Umständen geothermische Projekte zur Gewinnung von Heizenergie in dieser Gegend beeinträchtigt. Aber sollte das der Fall sein, wird man sicher bald davon hören.

Green IT im April: Corona und die IT und ein paar andere Dinge

Im April bestimmte Corona weitgehend, was in der IT abläuft. Neben zahlreichen Infos für Profis und Unternehmen gibt es nun von einem mir bis dahin nicht bekannten Anbieter eine Anleitung, wie man seine IT-Geräte desinfiziert bekommt.

Corona-App und re:publica

Es tobt an verschiedenen Orten die Diskussion über eine Corona-App: Zentraler Server oder keiner? Kommunikation mit Fitness-Armbändern oder nicht? Und so weiter und so fort. Inzwischen ist nach langem Hin und Her eine Entscheidung zugunsten einer dezentralen App gefallen. Na endlich, hätte auch schneller passieren können.
Bis sie fertig ist, dauert es aber noch, in der Zwischenzeit kann der Virus sich dank partieller Freigaben über reichlich unkontrollierte Ausbreitungsmöglichkeiten freuen…
Eine Diskussion gab es auch hinsichtlich der Digitalkonferenz re:publica. Deren Ergebnis: am 7. Mai findet die re:publica zum ersten Mal rein digital statt – mit einem eigens dafür ausgerüsteten digitalen Fernsehstudio und Beteiligungstools. Schön wäre es, wenn man auch gleich mal feststellen würde, wie viel Kohlendioxid durch den Umstieg auf Digital eingespart wird … und wie viele zusätzliche Nervenzusammenbrüche das stundenlange Starren auf den Bildschirm auslöst. Aber das sind Nerds ja eigentlich gewohnt.

Corona-Stimmungskrise in der Digitalbranche

Auch die Digitalbranche leidet mit Ausnahme der Groß-Provider und Onlinehändler Corona-bedingt an einer Stimmungskrise Stimmungskrise, heißt es. Wer nicht? Immerhin gibt es inzwischen tausend Ratschläge, wie man dafür sorgt, dass Rechenzentren nicht ausfallen. Ein Beispiel findet man hier.

Stromverbrauch deutscher Rechenzentren: Zahlen für 2018
Freuen können sich diejenigen, die Strom verkaufen. Der allgemeine Stromverbrauch soll ja durch Corona im April um 20 Prozent gesunken sein, hieß es in den BR-5-Nachrichten (ausnahmesweise ohne Link). Der Stromverbrauch von Rechenzentren allerdings steigt und steigt und steigt. Aktuelle Daten zum Jahr 2018 liefert ein Bericht des Borderstep-Institut in Berlin.
Mit einem Absinken in den nächsten Jahren ist nicht zu rechnen. Die Werte für 2018: 14 Milliarden kWh, entsprechend dem Verbrauch von mehr als 7 Millionen durchschnittlichen Vierpersonenhaushalten mit 4 MWh Jahresverbrauch. Auf die Werte für 2020 darf man gespannt sein, die werden wohl dank Corona-Krise und Lockdown nochmal viel höher ausfallen.
Apropos Corona: Laut dem hervorragenden Dashboard der Johns-Hopkins-Uni wurde am 27.4.2020 nachmittags die Drei-Millionen-Grenze bei den nachgewiesenen Infektionen geknackt. Die USA haben mittlerweile die Millionengrenze geknackt. Darauf einen deftigen Schluck Desinfektionsmittel. Soll ja helfen, sagt der größte Präsident aller Zeiten.

TCO zertifiziert RZ-Produkte

Ansonsten gab es doch immerhin ein paar sehr erfreuliche Nachrichten. Zum Beispiel hat der Zertifizierer TCO Development, übrigens ein Non-Profit-Unternehmen, das schwedischen Gewerkschaften gehört, nun auch Datacenter-Equipment in seine Zertifizierungen aufgenommen, sprich: Server, Storage und Netzwerke. Die Hersteller sind interessiert, weil aber die nötigen Umstellungen, beispielsweise in Lieferkette und Produktionsprozessen, Geld kosten, müssen die Anwender auch etwas tun. Nämlich von ihren Lieferanten entsprechend mit dem TCO-Certified-Label versehene Produkte fordern. Vorangehen tun hier laut TCO Development vor allem Behörden und Finanzdienstleister, TK-Provider und produzierende Unternehmen interessiert das Thema nicht besonders, genau so wenig übrigens die Endanwender. Die kaufen lieber was Billiges, sagt TCO-Development-CEO Sören Enholm im Interview.
Ein gutes Beispiel für nachhaltige Beschaffung gab es auch schon diesen Monat: Die Behörden in Baden-Württemberg kaufen jetzt die fair gefertigte Computermaus von Nager IT.

Recht auf Reparatur? Bitkom will es nicht.

Dass länger haltbare und vor allem auch praktisch genutzte ITK-Geräte nötig sind, zeigt wieder mal die Statistik zu in der Schublade gammelnden Smartphones. In einer Pressemitteilung des Industrieverbandes BITKOM kommt er zu wirklich schlagenden Zahlen: 200 Millionen Alt-Handys sollen es mittlerweile sein und damit doppelt so viele wie vor fünf Jahren. Das ist entschieden zu viel. Es wird dringend Zeit für ein saftiges Pfand!

Übrigens: Wenig überraschend, ist der Digitalverband BITKOM gegen das von der EU angestrebte Recht auf Reparatur. Denn man könne, so heißt es in der entsprechenden Pressemeldung, Smartphones nicht so kompakt und gleichzeitig unbegrenzt reparaturfähig bauen. Aha.
Ja, dann baut man sie eben anders! Es ist doch die Frage, was wichtiger ist: Die auch langfristige Verfügbarkeit aller nötigen Materialien auf dieser Erde, die Bewahrung ganzer Landstriche vor der ökologischen Verwüstung, geringe Energieverbräuche produzierender Industrien (insgesamt, nicht pro Stück! – Langlebigkeit leistet hier einen erheblichen Beitrag, den je länger Produkte leben, desto weniger muss produziert werden) und anständige Arbeitsbedingungen. Oder die Möglichkeit, die modische Jacke nicht auszubeulen, wenn man ein Smartphone reinsteckt.

Die Stunde der IT

Man kann viel überr IT schimpfen. Dass sie aber im Moment noch mehr als je zuvor eine Schlüsselrolle spielt, um einigermaßen mit der Krise fertig zu werden, wird wohl kaum jemand bestreiten. Die VPN-Nutzung ist um dreifache Prozentsätze angestiegen. Alles sitzt im Home Office. Kinder lernen am Bildschirm. Künstsler stellen ihre Produktionen online, zum Beispiel Theater. Tausende Programmierer programmieren um die Wette gegen Corona, ein anderes Beispiel von der GI ist hier. Menschen wie ich, die bislang nicht unbedingt geil auf Videoconferencing waren (man sitzt ja schon so lang genug vor der Kiste) machens nun doch. Alles besser als nur noch sich im Spiegel zu betrachten. Viele IT-Firmen stellen Zeug kostenlos zur Verfügung, um Home Office, Remote-Verwaltung etc. zu erleichtern. Einen Überblick dazu gib es hier.
Und gleichzeitig wird wahr, was alle seit 15 Jahren prognostizieren, was aber bislang niemals geschehen ist: Der Himmel ist mal wieder blau (ohne Kondensstreifen). Die Luft schmeckt plötzlich anders (nicht nach Benzin). Man kann es in der Stadt aushalten und schläft super, weil es endlich leise ist. Ach, wäre das alles doch möglich, ohne dass ein Virus wütet! Aber vielleicht bleibt ja ein Bisschen zurück, auch wenn diese Krise überstanden ist. Wäre schön. Bis dahin: Bleibt gesund! Und bis zum nächsten Post!

Green IT im Januar (with English Summary)

Bedingt durch die Weihnachtsferien, war natürlich nicht arg viel los.
Immerhin aber kommt die Diskussion über Grüne Software langsam in Gang. So verkündete neulich sogar DER SPIEGEL in einem, wie ich finde, sehr bemerkenswerten Kommentar, Bedingt durch die Weihnachtsferien, war natürlich nicht arg viel los. Immerhin aber kommt die Diskussion über Grüne Software langsam in Gang. So verkündete neulich sogar DER SPIEGEL in einem, wie ich finde, sehr bemerkenswerten Kommentar,
der sich mit dem Thema Green IT befasst. Nur eine nachhaltige
Informationstechnik könne der Umwelt helfen, heißt es hier. Nun, nachdem eines der Leitmedien das Thema endlich nach Jahren ungebremsten Smartphone-Konsums und Online-Streamens erkannt hat, wird es wohl bald höhere Wellen schlagen (oder wir hoffen das einfach mal).

Anderweits beschäftigt man sich eher fachlich mit der Thematik. Beispielsweise am Umwelt-Campus Birkenfeld, wo man zu der Einsicht gekommen ist, dass IT nicht grün werden kann, wenn es nicht auch die Software tut. Denn Software kann Systeme bei der Abarbeitung ein und derselben Aufgabe zum Dauerrödeln verurteilen oder aber dafür sorgen, dass immer nur das aktiv ist, was für die jeweilige Aufgabe wirklich nötig ist. Die Kunst, Software so ökonomisch und ressourcenschonend zu schreiben wie möglich, ist nämlich im Zuge der IT-Entwicklung komplett unter die Räder geraten und bedarf dringend einer Renaissance.

Beim Umweltbundesamt werkelt man an einem Blauen Engel für Softwareprodukte. Dazu gehört beispielsweise Werbefreiheit, komplette Deinstallierbarkeit und eine Weiterentwicklung der Software, die deren Nutzer*Innen nicht alle kurze Zeit zum Kauf neuer Hardware verurteilt, wollen sie nicht die Hälfte der Funktionen oder gar die ganze Software wegschmeißen. Viele der Vorarbeiten dazu wurden ebenfalls in Birkenfeld geleistet. Wer sich tiefergehend für aktuelle Modelle interessiert, die helfen könnten, die Kriterien festzulegen, lese dieses wissenschaftliche Whitepaper.

Wie unterschiedlich sich der Energiehunger einer Software bei der gleichen Aufgabe darstellt, zeigt eine Grafik zu einem Vortrag, den Jens Gröger (Umweltinstitut) im Rahmen der Konferenz Bits & Bäume hielt, die Ende 2018 in Berlin stattfand. Das Bild zeigt es eindeutig: Software entscheidet, wie viel ein Rechner bei einer bestimmten Aufgabe verbraucht. Das Ergebnis ist eindeutig: Die eine Software verbraucht rund 20 Prozent mehr Strom als die andere.

Überhaupt, Bits & Bäume: Die Gruppierung hat sich zum Ziel gesetzt, sich intensiv mit dem Thema Nachhaltigkeit und Informationstechnik auseinanderzusetzen, und jetzt gibt es den Tagungsband sogar umsonst und online zum Download unter cc-Lizenz. Wer also einen Überblick über aktuelle Entwicklungen und Diskussionen rund um Nachhaltigkeit und IT gewinnen will, ist mit dieser Veröffentlichung gut bedient.

Summary: German lead medium Der Spiegel published a comment on the necessity of Green IT to get a sustainable digitization. The topic gains speed – so it is debated by the „Umweltbundesamt“, a federal German agency for the environment that plans to issue a certificate for sustainable software. This is because the behavior and programming style of software influences heavily how much energy a system uses for a certain workload. See picture! Green Software was also an important topic for the Bits&Bäume (Bits and trees) conference in autumn 2018. The congress reader (unfortunately mostly German) has been recently published and is available freely for download under cc-License.

In der Schweiz will man nun übrigens Rechenzentren konsequent dekarbonisieren, berichtet das österreichische Onlinemedium oekonews.at. Dazu wurde eigens ein Verband, die Swiss Data Center Efficiency Association (SDEA), gegründet. Mit zu den Initiatoren der Gründung gehört neben einigen technischen und wissenschaftlichen Verbänden und Unis aus der Schweiz HPE (Hewlett Packard Enterprise). Das Gremium will eine neuartige Datacenter-Zertifizierung in den Stufen Gold, Silber, Bronze herausgeben. Mal sehen, wann die ersten Erfolgsmeldungen kommen…

Summary: Switzerland wants to consequently decarbonize data centers and has founded an association with that goal.