Nachhaltige-IT-News im Mai

Was gab es im Mai an Neuigkeiten rund um die grüne IT?

Die für mich interessanteste News war eine schon im März 2019 publizierte, aber in Deutschland kaum rezipierte und mir erst im Mai bekannt gewordene Studie von The Shift Project, das ist ein französischer Dekarbonisierungs-Think-Tank. Die Untersuchung, die auf internationalen Daten bis zum Jahr 2017 basiert und damit vergleichsweise sehr aktuell ist, macht mit einigen Lebenslügen der IT Schluss. Zum Beispiel der, dass Digitalisierung an und für sich zur Nachhaltigkeit beiträgt. Denn die Rebount-Effekte haben, wie die Untersuchung deutlich belegt, bislang jeden Umweltnutzen in sein Gegenteil verkehrt.

Ungewöhnlich ist die Studie, da sie, wohl wegen der kolonialen Vergangenheit Frankreichs, auch vieel Daten zu Entwicklungsökonomien, beispielsweise in Afrika, enthält. Besonders interessant sind vier Befunde, die im Detail beziffert werden: Erstens lassen sich die versprochenen Dekarbonisierungseffekte in anderen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaftdurch IT-Einsatz bislang nicht nachweisen, da sie von Rebounds aufgefressen werden, zweitens hat sich das Wirtschaftswachstum in Ländern mit starker Digitalisierung durch diese bislang nicht beschleunigt, drittens wächst der Energieverbrauch der IT mehrfach so stark wie der anderer Wirtschaftsbereiche, und viertens wächst auch der Kohlendioxidausstoß der IT, wobei dieser im Durchschnitt der Gesamtwirtschaft jährlich um 1,8 Prozent sinkt.

Manche mögen es angesichts der digitalen Gerätemassen und stets auf Smartphone starrenden Mitmenschen schon geahnt haben: Der „Überverbrauch an IT“ (so die Studie)  in den industrialisierten, westlichen Ländern trägt nichts zur Dekarbonisierung oder zum Wirtschaftswachstum bei. Im Gegenteil: Er verzögert beziehungsweise konterkariert sogar die notwendige Dekarbonisierung.

Am Ende nennt die Studie, gerichtet an Regierungen und Unternehmen, Maßnahmen, mit denen IT nachhaltiger werden kann, ohne das Ziel einer digitalen Transformation gleich ganz aufzugeben. Gefordert wird „Digital Sobriety“ (in diesem Zusammenhang vielleicht am ehesten mit digitale Schlichtheit zu übersetzen). Was das im Detail heißt, kann man in dem Text, der kostenlos im Web steht, nachlesen.

Nun noch ein paar kurze Meldungen rund um Nachrichten, die in der letzten Zeit erreichten:

Man höre und staune: Dass IT viel Energie verbraucht, ist nun auch der Umweltministerkonferenz zu Ohren gekommen, weshalb sie nach ihrer letzten Sitzung folgendes öffentlich zu Protokoll gegeben hat:

„Die Digitalisierung bietet große Chancen, ist aber auch mit einem hohen Energieverbrauch und CO2-Ausstoß verbunden. Die Konferenz bittet den Bund, eine klimafreundliche IT-Nutzung in den Klimaplan des Bundes zu integrieren. Wichtige Punkte sind dabei die Energie- und Ressourceneffizienz von Rechenzentren (Kühlung, Abwärmenutzung), smarte Produktionsprozesse (Industrie 4.0), eine klimaschonende Beschaffung und Entsorgung von Hard- und Software sowie die effiziente Nutzung von Video- und Telefonkonferenzen zur Vermeidung von Dienstreisen. (TOP 24)“

Alles klar? Dann mal los, liebe ITler.

VMware, Nestor der Rechenzentrums (RZ)-Virtualisierung, hat anscheinend verstanden, dass der Energieverbrauch von RZs ein echtes Problem darstellt und kündigt deshalb ein Tool an, das Anwendern ermöglicht, CO2 im Rechenzentrum einzusparen und den Energieverbrauch zu verringern. Es heißt Carbon Avoidance Meter (Carbon-Vermeidungs-Messgerät). Die Meldung ging mir als Pressemitteilung zu. Leider sucht man auf der Website vergeblich nach Infos zu CAM, weshalb es auch kein Link gibt. Anwender sollten also bei VMware nachfragen, wann dieses Tool verfügbar sein wird. Das könnte bald auch finanziell relevant werden, denn die Bundesregierung plant ein Klimaschutzgesetz, was Energieverbräuche verteuern könnte. Und so manchem IT-Manager dürften auch noch zu Hause seine Sprösslinge nach der Friday-for-future-Demo im Genick sitzen. Da sit es gut, wenn man was Positives zu erzählen hat.

Die Deutsche Umweltstiftung nutzt digitale Technik (nämlich eine Website), um unter dem Hashtag #kaufnix zum Nicht-Konsumieren aufzufordern. Wer darauf Lust hat, sollte sich dort mal umsehen. Die meisten haben sowieso von allem zu viel. Aus Erfahrung kann ich sagen: Weniger kaufen schützt die Umwelt und entspannt. Nicht nur den Geldbeutel, sondern auch die Seele und die Platzsituation in der Wohnung. Und man gewinnt wertvolle Zeit, die man nicht irgendwo herumsteht oder im Web nach dem billigsten Sonderangebot sucht.

Die schwedische Chalmers-Universität hat ein Online-Tool zur Ermittlung des Kohlendioxid-Fußabdrucks beim Reisen mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln entwickelt. Das Tool ist in Englisch verfügbar, eine schwedische Variante gibt es schon eine Weile. Wer seinen Kohlendioxid-Ausstoß beim Reisen wissen möchte, kann dort also nachsehen.

Und schließlich gibt es auch noch einiges aus der schönen Welt der Rohstoffe:

Die Umweltschutzorganisation FARN (Fundación ambiente e recursos naturales) weist auf Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit dem Lithiumabbau in Argentinien hin, meldet Good Electronics in seinem Newsletter.

So, das wärs für diesen Monat. Im Juni wieder.

Neues zur Nachhaltigen IT im April

Wie immer ein paar Neuigkeiten zur Nachhaltigen IT im April. Zur Rahmensetzung: In Schweden brennen bereits die Wälder, und alle möglichen Ämter warnen auch für Deutschland vor einer Trockenheit, wie sie sie im vergangenen Jahr gegeben hat.

Die Copernicus-Satelliten sammeln rund um die Erde Klimadaten, die regelmäßig zu Berichten und Prognosen zusammengefasst und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Der Bericht für 2018 sagt: Es ist in Europa wieder kräftig wärmer geworden, es gab lang anhaltende seltsame Wetterereignisse, insbesondere Dürren, aber auch lang anhaltende Kälteperioden, die jeweils sehr große Regionen betrafen. Der Sommer 2018 lag 1,2 Grad über dem Durchschnitt. Das klingt nicht viel, wenn man aber überlegt, wie viele Daten in einen solchen Durchschnitt einfließen, ist es eben doch eine Menge.

Für den Monat März, über den von Copernicus global im April hinsichtlich der Durchschnittsdaten berichtet wurde, wird gemeldet: Die Zeit von April 2018 bis März 2019 ist die bisher wärmste zwölfmonatige Zeitspanne, die jemals in Europa aufgezeichnet wurde. Na prima, müssen wir bald nicht mehr ans Mittelmeer. Besonders warm war es in Alaska und Nordwestkanada. Zentralsibirien, Kasachstan, der Mongolei und dem nord-östlichen China. Australien verzeichnete den wärmsten März aller Zeiten, mit den höchsten Temperaturabweichungen über dem Bundesstaat Westaustralien. Wer schöne Bilder dazu sehen will, findet sie hier.

Und was sagt die IT dazu? Wie will sie ihre Klimagasausstöße in den Griff kriegen? Eine Idee wäre, dass man vielleicht mehr der Abwärme etwa von Rechenzentren nutzt, statt sie in die Atmosphäre zu pusten oder energieaufwändig wegzukühlen. Beispiele gibt es dafür schon, ein paar schöne stehen in diesem Artikel. Bislang allerdings Tropfen auf den buchstäblich heißen Stein. Außerdem findet sich in dem Bericht der an sich schon erstaunliche Satz, dass die Abwärme der europäischen Energieanlagen und -industrien verschwendet wird, ausreichen würde, um alle europäischen Wohnungen zu heizen. Na, dann mal los. In der EU gibt es dafür jetzt auch ein Projekt, das Reuseheat heißt und in den Rahmen der Zukunftsprojekte von Horizon 2020 gehört (oh weia, ist schon nächstes Jahr…). aber Reuseheat läuft ja auch schon bis 2021, was zeigt, dass dieser Horizont doch eher fiktiv ist.

Microsoft hat einen KI-Wettbewerb veranstaltet, als dessen Ergebnis ein umweltrelevantes Projekt den ersten Preis gewonnen hat. Die Einreicher konnten Wünsche äußern, von denen einige umgesetzt werden oder dies zumindest versucht wird. Das Siegerprojekt heißt „KI für Pflanzen“, wird von Sepago umgesetzt und zielt darauf, dass anhand eines Fotos die Bedürfnisse von Haus- und Nutzpflanzen erkannt und durch Dünger, Wasser etc. im passenden Umfang befriedigt werden. Das Unternehmen erhält dafür von Microsoft 50.000 Euro. Es wurde 2002 gegründet und sieht sich als Spezialist für digitale Transformation.

Überhaupt, die EU: Auf ein weiteres Horizon-2020-Projekt wurde ich durch eine Mail von Niklas Jordan aufmerksam. Imprex versucht unter anderem mit spielerischen Mitteln Bewusstsein dafür zu schaffen, wie Städte sich vor Überflutungen schützen können. Das ist was für im öffentlichen Dienst befindliche Gamer! Ausprobieren! Gegen die Ursachen von Fluten tut leider auch dieses Simulationsspiel leider wenig. Dazu müsste man einfach weniger Klimagase ausstoßen. Und danach sieht es global leider noch immer nicht aus, weil südliche Länder und natürlich China energetisch aufholen und die anderen (wir/die USA/Japan/…) nicht ausreichend zurückstecken. Da hat bisher leider die IT noch nichts geholfen, aber vielleicht wird es ja irgendwann.

Grünes rund um die IT im März

EInige News aus den vergangenen Wochen zeigen, was sich derzeit alles tut. So ist interessant, dass man sich plötzlich wieder mal um den Energieverbrauch der Cloud sorgt. Beispielsweise der RZ-Infrastrukturanbieter Vertiv. Ihm kam im Zusammenhang mit dem Mobile World Congress der Gedanke, den Stromverbrauch des Internets in den Mittelpunkt zu stellen. Fazit: Eine Umfrage bei 100 TK-Providern, die im Auftrag von Vertiv von 451Research durchgeführt wurde, erbrachte als Ergebnis, dass zwar alle 5G und Edge Computing ausrollen wollen, dass aber nach Meinung der überwiegenden Mehrheit der Befragten auch davon auszugehen ist, dass 5G den Gesamtenergiebedarf des Netzwerks um bis zu 170 Prozent erhöhen wird. Man lasse sich das auf der Zunge zergehen: Knapp dreimal so viel. Denn eine Erhöhung um 100 Prozent ist ja schon eine Verdopplung. Da muss man anderweitig schon viel einsparen, um die berühmten grünen Effekte der IT zu realisieren. Vertiv schlägt dann nicht ganz uneigennützig vor, man könne ja als professioneller IT-Nutzern einen neuen Servicetyp mit der schönen Bezeichung Energy Savings as a Service (ESaaS) in Anspruch nehmen. Darunter ist eine enge Zusammenarbeit des IT-Providers mit Energielieferant und Kolokateur gemeint, um Energie zu sparen. Das sollte eigentlich sowieso selbstverständlich sein, wird aber nun von Vertiv als Service verkleidet und dann wohl auch kostenpflichtig. Wir warten auf den Service Breathing as a Service (BaaS).

Anders versucht es die Europäische Union, der wohl langsam auch dauert, dass das viele Cloud-Computing, energetisch betrachtet, nicht umsonst zu haben ist. Man hat flugs das Projekt EU EcoCloud aus dem Boden gestampft. Es soll die Energieverbräuche und die Energieoptimierungspotentiale der Cloud in Europa ermitteln. Mit im Ermittlungsteam: Das bei solchen Themen einschlägige Borderstep-Institut und das Umweltbundesamt Österreich. Auf der letztgenannten Website sucht man allerdings noch vergeblich nach irgendwelchen Hinweisen. Die Projektdauer erstreckt sich von Dezember 2018 bis Ende März 2020.

Außerdem erhielt ich von dem Green-IT-Spezialisten Niklas Jordan einige sehr sachdienliche Hinweise. So verweist Jordan in einer Mail-Info auf einen Artikel in der New York Times, der erklärt, wie man ein ethischer Tech-Konsument werden kann. Immerhin doch ein interessantes Thema. Die Ratschläge werden nicht jedem schmecken, aber sie sind allesamt bedenkenswert.

Schließlich noch ein Jordan-Tip für Leute, die gern etwas genauer darüber Bescheid wüssten, was mit unseren Ressourcen passiert, wie viel überhaupt noch da ist etc. Interessant ist dies beispielsweise in Zusammenhang mit raren Metallen (nicht unbedingt Seltenen Erden), die in den Smartphones verbaut und dann alle 2 Jahre rettungslos weggeschmissen werden. Die Seite von Resource Watch bietet eine Überblick über die Ressourcen-Lage der Erde, für viele Themen sogar in Echtzeit, und man hat Zugriff auf viele Daten.

So, das wäre es erstmal für den Monat März. Ich hoffe, Sie/Ihr habt Spaß an den Tipps und Hinweisen!


Vielen RZ-Betreibern ist die Umwelt egal

Eine von veröffentlichte Studie bringt es an den Tag: Viele Rechenzentrumsbetreiber scheren sich kein Bisschen um die Umwelt. 43 % der befragten RZ-Manager (deren Zahl gibt Supermicro leider nicht bekannt) haben keinerlei Umweltstrategie, die Hälfte davon will auch in Zukunft keine. Grund für 29%: Umweltschutz wäre zu teuer. (Das zeigt mal wieder, dass Umweltsünden schlicht zu billig sind, Anm. d. Red.) 27 % meinen, sie verstünden nichts davon, und immerhin 14 % geben unumwunden zu, dass ihr Unternehmen sich einen Sch… für Umweltdinge interessiert…. sorry, ganz einfach andere Prios hat.
Nur 28 % bedenken Umweltthemen, wenn sie Technologie einkaufen, und für nur 9 % ist Energieefffizienz das Top-Thema, wenn sie planen. 58 % ermitteln noch nicht einmal ihre PUE, den einfachsten Indikator für Energieeffizienz. Von denen, die sie messen, liegen noch immer 22 Prozent über einer PUE von 2 – sprich: Hier verbrauchen Kühlung und Klimatisierung doppelt so viel Strom wie das eigentliche Rechnen. Angesichts der Technologien, die heute verfügbar sind, kann man über so viel Ignoranz eigentlich nur staunen, zumal da bares geld den Bach runtergeht.
Und: 12 Prozent der Befragten haben keinerlei Recycling-Politik etabliert. Die meinen also, die Rohstoffe ließe sich anbauen wie, na, sagen wir mal, Gras auf der Wiese, oder sie glauben ernsthaft, wir würden uns das Benötigte irgendwann vom Mars holen (wers glaubt wird selig!).
Mit anderen Worten: nachhaltige-it wünscht den RZ-Betreibern weiterhin einen geruhsamen Winterschlaf hinsichtlich umweltpolitischer Fragen und von ganzem Herzen, dass sie nicht irgendwann sehr unsanft geweckt werden.
In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

Konferenz für IT-Nachhaltigkeitsfreunde

Vor Kurzem fand in Berlin die Konferenz „Bits&Bäume“ statt, bei der es explizit um die Nachhaltigkeit der IT ging. Wer sich für das Thema interessiert, findet unter dieser Adresse sämtliche Vorträge als Video. ich werde mir die Freiheit nehmen, einige dieser Videos in nächster Zeit selbst anzusehen und dann darüber was zu schreiben, sie sind nämlich gut.
Deshalb gleich ein paar Hinweise von Niklas Jordan darüber, wie man das Web nachhaltiger machen kann, ohne gleich auf Surfen zu verzichten. Den Video-Enthusiasten wird das nicht gefallen, aber trotzdem.
Denn Niklas Jordan weist in seinem Vortrag darauf hin, dass die Webseiten immer größer werden, ohne inhaltlich mehr zu sagen, und dass leider jedes Bit über die Leitung muss, was Strom vergeudet und die Implementierung immer leistungsfähiger Server erfordert. Um Strom zu sparen, muss man zum Beispiel Bilder verlustfrei runterrechnen (kostenloses Tool wird im Vortrag genannt) und kann noch einiges andere tun, vor allem mit zappelbildchen sparsam sein. Ihr könnts ja ansehen, ich möchte nicht alles verraten.
Wer übrigens mal testen will, wie viel die eigene Seite pro Aufruf an Kohlendioxid in die Umwelt spuckt, kann das hier ganz unkompliziert machen. Bei meiner sind es monatlich 0,59 Gramm (ja, es ist eine ganz kleine Website mit viel Text, wenig Bildern etc.). Und bei Eurer/Ihrer?

Rechenzentren nicht auf Klimawandel vorbereitet?

Nach einer Quelle auf der Website Data Economy ignorieren US-amerikanische RZ-Betreiber den Klimawandel. Wie der Bericht feststellt, werden von den RZ-Betreibern zu wenig Vorkehrungen gegen Wasserknappheit (Kühlwasser!), Überflutungen oder Waldbränden. 71 Prozent würden die Risiken von Extremwetter nicht genügend beachten, 45 Prozent den Klimawandel als potentiell beeinträchtigenden Faktor gleich ganz ignorieren.
Wie sieht es diesbezüglich mit deutschen Rechenzentren aus? Wahrscheinlich nicht viel anders. Im Gesetz über Kritische Infrastrukturen, das für viele wichtige RZs relevant sein dürfte, wird meines Wissens der Klimawandel nicht erwähnt und das Risiko des Austrocknens ganzer Landschaften, wie es in diesem Sommer zu beobachten war, spielte wohl in der Risikowahrnehmung bislang auch keine Rolle. Der Fokus liegt bei den Studien, Analysen und wissenschaftlichen Arbeiten heute eindeutig im Bereich „Umweltfreundlichkeit von Rechenzentren“ und weniger dcarauf, wie eine klimaunfreundliche Umwelt, die wir uns gerade mit großem Einsatz selbst bauen, die Rechenzentren insgesamt beeinträchtigen könnte. Mein persönlicher Rat (wenn den jemand interessiert): Die Branche sollte sich schleunigst damit befassen und entsprechende Untersuchungen anstoßen.

Wie sieht IT von hinten aus?

Wir sehen immer nur: noch schickere Geräte, noch höhere Auflösungen, noch flachere Bildschirme, noch mehr Apps, noch breitere Verbindungen, noch mehr Funktionen. Doch es gibt auch eine ganz andere Seite, und die geht im mit Milliarden gefütterten Marketinggebrüll der IT-Industrie häufig unter.
Es hat lange gedauert, aber im Moment sind gleich drei Filme auf dem Markt, die sich sozusagen mit der schmutzigen Rückseite der bunt schillernden IT-Welt befassen. Mit dem, was wir nicht sehen und hören wollen, wenn wir auf unsere supergeilen Gadgets gucken. Alle drei sind sehenswert, alle drei üben harsche Kritik an den Praktiken der IT-Industrie, und alle drei werden deshalb von großen Kinos kaum und schon gar nicht länger gezeigt. Das könnte einem ja den Appetit verderben auf die selbstverständliche Erneuerung elektronischer Geräte alle kurze Zeit und auf das automatische Ansteuern der großen sozialen Medien und Suchmaschinen jeden Tag, zigmal.
Da wäre einmal der von der preisgekrönten Dokumentarfilmerin Sue Williams und ihrem Team stammende Dokumentarfilm „Death by Design“. Er beschreibt, wie die angeblich so grünen Produktionsprozesse der IT sich im Silicon Valley und anderswo auswirken und was der Rücktransport des Elektroschrotts von den USA nach China anrichtet. Im Silicon Valley haben die großen IT-Riesen – hiervon machen wohl auch die angeblich besonders umweltbewussten und sozialfreundlichen keine Ausnahme – das Grundwasser durch die Aufbewahrung riesiger Mengen Lösemittelrückstände in unterirdischen Tanks großflächig gefährdet. Seit einiger Zeit wird versucht, die Verschmutzungen mit Hilfe auch staatlichen Geldes (eines sogenannten Superfunds) wieder aufzuräumen – was nach Angaben von Fachleuten in dem Film wohl Jahrhunderte dauern wird, da sich die gefährlichen Stoffe, neben Lösemitteln auch Schwermetalle und anderes, eben sehr langsam zersetzen. An anderer Stelle sind überproportional viele Menschen an Krebs erkrankt, weil laut Film Schadstoffe aus IBM-Produktion durch den Kellerboden in Häuser eingedrungen sind und dort die Bewohner gesundheitlich beeinträchtigen. Es gab schon Vergleiche mit Big Blue, doch wie sie genau aussehen, darüber werden die Betroffenen und ihre Anwälte zum Schweigen verdonnert.
In China, wohin heute die dreckige Produktion wegen geringer Kosten und noch geringerer Kontrollen gern ausgelagert wird, werden von vielen Fabriken die Abwässer komplett ungeklärt in den Fluss geleitet. Kommt eine Kontrolle, so berichtete ein Mitarbeiter eines Unternehmens anonym, füllt man einfach Trinkwasser statt der Dreckbrühe in Flaschen, und diese plumpe Betrugsmethode geht durch. man sieht unvorstellbar verschmutzte Kloaken, die sich am ehesten noch mit einigen Flüssen im Ruhrgebiet vor der Entwicklung einer effektiven Umweltgesetzgebung zum Wasserschutz hierzulande vergleichen lassen.
Dass die Arbeitsbedingungen beispielsweise bei Foxconn oft miserabel sind, ist zur Genüge bekannt. Doch das Interview mit einer, die aus Verzweiflung bei Foxconn aus dem Fenster sprang und nun querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt, berührt trotzdem. In den Recyclingfabriken von Guiyu zeigt der Film, wie Kinder im Dampf verbrennender Kabelummantelungen spielen oder einzelne Bauelemente sortieren.Dass es in amerikanischen Städten und Gemeinden, wie der Film anschaulich belegt, nicht besser aussieht, wenn sie vom recycling von Elektroschrott leben, beruhigt leider nicht wriklich.
Ein bisschen Hoffnung verbreitet der Film immerhin: Gegen Ende werden innovative Unternehmen vorgestellt, die versuchen, etwas zu ändern. Etwa Ifixit, ein Unternehmen für Spezialwerkzeug und Reparaturanleitungen für Smartphones oder ein irisches Unternehmen, das sich gerade bemüht, einen wirklich dauerhaft nutzbaren, aus möglichst nachhaltigem Material hergestellten PC zu entwickeln und vor allem zu vermarkten. Zwar wurde die Firma auf der letzten Cebit preisgekrönt, allein der Ansturm der Käufer oder Distributoren blieb aus.
Nun habe ich schon viel verraten, aber Trailer und Film lohnen sich trotzdem. Wenn sich ein Kino in Ihrer/Eurer Gemeinde traut.
In eine ganz ähnliche Kerbe haut „Welcome to Sodom“ (Trailer hier). Nur geht es in diesem Film um die liebste Elektronik-Müllkippe der Europäer, die sich in Afrika befindet. Leider habe ich in München noch kein Kino gefunden, das diesen Film zeigt – das wäre mal eine Aufgabe für die FilmaktivistInnen von den Programmkinos, denn die Großen werden sich mit diesem harten Stück dokumentarischer Filmarbeit wohl kaum die Finger schmutzig machen. Ich bin gespannt, wann wir im bayerischen Silicon Valley die Chance haben werden, den Documentary zu sehen.
Film Nummer Drei befasst sich mit einer anderen Art von Müllabfuhr, nämlich der geistig-emotionalen. Ich habe „The Cleaners“ gestern abend auf ARTe im Dokuemtnarfilmprogramm gesehen. Im Kino war er schon. Er sei all jenen anempfohlen, die sich dafür interessieren, wie die Großen (natürlich im Rahmen von mit reichlichen Schweigepflichten garnierten Outsourcing-Verträgen mit philippinischen Firmen) der sozialen Medien ihre Kanäle „sauber“ halten. Der Film lässt ehemalige Cleaner zu Wort kommen, ehemalige Führungskräfte aus Social-Media-Unternehmen, gelegentlich Herrn Zuckerberg bei einer seiner Ansprachen. Er zeigt auch Auszüge aus US-Kongresshearings, in denen es um den Einfluss der sozialen Medien auf die politische Meinungsbildung geht. Die Zuschauer erfahren etwas über die Ambiguität der Entscheidungen, ob etwas online bleibt oder nicht, von den durchaus diskussionswürdigen Wertvorstellungen und dem Selbstverständnis der weitgehend von den Philippinen stammenden professionellen „Cleaner“ im Dienst der Outsourcing-Firmen und auch davon, was dieser extrem fordernde Job mit ihnen macht und was sie täglich im Sekunden-Rhythmus mit ansehen müssen. Nur wenige Sekunden haben sie Zeit für die Entscheidung, ein Bild zu löschen, wenn es den Regeln des jeweiligen Social-Media-Unternehmens nicht entspricht, und ihre Arbeit wird kontrolliert.
Wer sich dafür interessiert, wer für die Social-Media-Sucht der Gesellschaft den Preis zahlt, wer die Dreckarbeit macht und was es bedeutet, wenn schwer kontrollierbare Privatfirmen entscheiden, was Milliarden zu sehen bekommen und was nicht, sollte sich The Cleaners nicht entgehen lassen. auch wenn die Betätigung des Like-Buttons danach etwas schwerer fallen dürfte. Der Film dürfte noch eine Weile in der Arte-Mediathek zu finden sein.

Über KI und Klimawandel

Was haben KI und Klimawandel miteinander zu tun?
Ein schönes Sommerthema: Draußen sind 36 Grad Celsius, die Isar hat die Temperatur eines gut geheizten Freibades, am Himmel stehen ein paar halbherzige Gewitterwolken, und der Klimaforscher Latif hat verkündet, dass es in Europa seit Beginn der Klimaaufzeichnungen um 1,4 Grad im europaweiten Durchschnitt wärmer geworden ist (zur Erklärung: Der Anstieg von großflächigen Durchschnittstemperaturen in solchen Zeiträumen ist eine Masse, auch wenn es wenig klingt) . Die Ernten in Deutschland sind hitzebedingt teilweise um ein Drittel gesunken, das wird die Preise für Grundnahrungsmittel nach oben treiben, und das freut dann wieder die, die sowieso kein Geld haben. Arbeitslose, Rentner, Alleinerziehende.
Zurück zur KI. Die Medien sind voll damit, und irgendwie ist es viel sexier, sich damit zu befassen, ob uns die Algorithmen fressen, als damit, ob wir in Zukunft noch was zu Fressen haben. Im Herbst gibt es eine vom Bundestag organisierte eine Enquete zum Thema KI, und ich habe mir vorgenommen, genau zuzuhören. Wahrscheinlich wird sie, genau wie die Klimawandel/Nachhaltigkeits-Enquete vor ein paar Jahren, komplett im Web übertragen wird.
Interessant ist die Frage, ob die KI-Enquete letzten Endes genauso wirkungslos verpuffen wird wie die Klimawandel-Enquete. Zwar warnten dort ausgewiesene Spezialisten aller möglicher Couleur davor, die Sache zu verbaseln und zu lange mit durchgreifenden Maßnahmen zu warten. Dann kamen die Flüchtlinge, und das Thema war oder ist vergessen. Unser Kohlendioxid-Ausstoß steigt wieder, und ein Top-Thema ist zur Zeit, wie man die Flüchtlinge aus den Krisengebieten im Nahen Osten und aus Afrika fernhält oder wieder wegbekommt. Oder wie man die, die das wollen, davon überzeugt, dass das inhuman ist und außerdem gar nicht nötig, oder jedenfalls nicht so, wie es die Rechten wollen.

Es geht eindeutig nicht darum, wie man den Kohlendioxidausstoss (unseren) schnellstmöglich runterbekommt. Dabei wäre das sicher angesichts der im wahrsten Sinne des Wortes Verwüstung in vielen Gegenden eine sehr wichtige Maßnahme, um afrikanischen Ländern Spielraum zur Entwicklung zu geben, damit die Leute dort überhaupt bleiben können. Und wer nicht bleiben kann, geht. Da werden auch die höchsten Zäune der Welt nichts dran ändern.

Ach so, übrigens macht der Klimawandel nicht an der Schengen-Grenze halt. Er verwüstet auch in Spanien zusehends den Süden. Was werden wir wohl sagen, wenn spanische Klimaflüchtlinge vor unseren Haustüren stehen? Sie werden sich natürlich nicht so nennen, sondern einfach sagen, sie machten von ihrer Niederlassungsfreiheit Gebrauch. Die es in Europa noch gibt, man fragt sich, wie lange.
Was die Wirksamkeit der KI-Enquete angeht, denke ich, die Chancen, dass sie etwas verändert, stehen etwas besser als bei der Klima-Enquete, die wohl vor allem ein Beruhigungsmittel war, denn es fühlt sich viel besser an, viele Stunden über ein Problem zu reden und dann nichts zu tun, als einfach nur so nichts zu tun.
Doch was sie (die KI-Enquete) verändern wird, das steht in den Sternen. Immerhin verspricht KI, wenn richtig gestaltet, möglicherweise irgendwelche wirtschaftlichen Gewinne für irgendwen. Wobei irgendwer derzeit vor allem mit F, M, A und G anfängt. Das Rätsel wird nicht aufgelöst. Man muss sie, die KI, also nur so regulieren, so jedenfalls die Theorie, dass alle freiwillig und gern ihre Daten hergeben. Und darum wird es wohl in der Enquete gehen, aber das ist derzeit natürlich nur eine Vermutung.
Während klimabewusstes Verhalten, seriös betrachtet, wohl letzten Endes hierzulande doch eher darauf hinausläuft, von vielem ein bisschen oder sogar ziemlich viel weniger zu machen. Vor allem von dem, was wir heute so richtig geil finden: Konsumieren, was das Zeug hält, in der Gegend rumfliegen, bis wir die Flughäfen kaum noch auseinanderhalten können, und unsere IT-Geräte alle kurze Zeit erneuern. Damit, das zu lassen, lässt sich eher kein Geld verdienen, oder jedenfalls nur in Maßen, und das next big dig Ding (das nächste größte digitale Ding) kommt so auch nicht in die Welt.
Dafür steigt die Chance, dass noch ein paar mehr Generationen hier einigermaßen existieren können, aber wen interessiert das schon, die meisten sind ja schon froh, wenn sie die nächste Woche geplant kriegen.
Kurz, man kann der KI-Enquete hoffnungsvoll entgegensehen, jedenfalls hoffnungsvoller als der Klima-Enquete. Genau wie dem nächsten Sommer, der wahrscheinlich noch heißer wird als dieser schon.

Social Media: Kannste knicken

Mit einem kleinen Büchlein hat ein profilierter Kritier des derzeitigen Digital(un)wesens, Jaron Lanier, dargelegt, warum er, um in seinem Jargon zu bleiben, die derzeitigen Sozialen Medien Scheiße findet. In seiner Schärfe kann man seine Kritik allenfalls mit der von Spitzner („Digitale Demenz“) oder der von Evgeni Morozov („Smarte Neue Welt“) stellen. Allerdings, und das gibt der Sache mehr Relevanz: Lanier guckt von innen. Er ist selbst einer der Pioniere der VR (Virtual Reality) und ist nach Jahren bei einer der Digitalkraken Nummer 1, Google, nunmehr zu Microsoft umgesattelt.
Und das ist vielleicht eine Schwäche seiner Argumentation, die sich vor allem gegen Google und Facebook als Monopolisten des Sozialen im Web richtet. Denn AWS, Microsoft und Apple reiht er in eine andere Liga ein – weil sie auch noch mit anderem ihre Geschäfte fundieren als mit den Daten ihrer Nutzer (AWS verkauft Bücher, Rechenleistung und bald alles, Microsoft versorgt Büros mit nützlichen oder weniger nätzlichen Softwaretools und Apple hat todschicke Rechner und Smartphones im Angebot, die man tatsächlich kaufen kann – doch dazu später).
Laniers Fundamentalkritik entzündet sich am Kern der Imperien von Google und Fachebook: daran, dass sie mit Algorithmen, die durch ihr gerade im richtigen Maße erratisches Verhalten das Dopaminsystem des Menschen triggern, ihre Nutzer damit zu Abhängigen machen. In diesem Zustand nun spuckt ein Nutzer durch seine permanenten Interaktionen mit den Plattformen Daten in beliebiger Menge aus, die sich wiederum in kommerziellen Erfolg der Plattformen umsetzen lassen, indem fein abgestimmte, oft banal anmutende, aber nachweislich wirksame Kaufanreize präsentiert werden oder indem man die Daten einfach meistbietend zur tiefergehenden Analyse an den verkauft, der gerade daran interessiert ist. Cambridge Analytika lässt grüßen.
So verlieren laut Lanier die Einzelnen die Kontrolle über die Informationen, da sie nur noch gezeigt bekommen, was sie nach Meinung der Plattform interessieren müsste. Ganze Gesellschaften unterliegen erheblichen Manipulationsrisiken durch diejenigen, die die Mechanismen der digitalen Werkzeuge am besten durchschauen und ihre Mittel am skrupellosesten einsetzen. Der Brexit lässt grüßen.
Lanier meint, des Pudels Kern liege darin, dass Soziale Medien im Interesse ihrer Inserenten arbeiten und nicht vor allem im Interesse ihrer Nutzer. Das ließe sich, so glaubt er letztlich, aushebeln, indem man sie komplett neu konzipiert und zum Beispiel für die Nutzer kostenpflichtig macht, weil dann die Plattformen in deren Dienst arbeiten würden. Vorerst rät er Anwendern, ihre Social-Media-Accounts samt und sonders zu kündigen und damit eine unmissverständliche Botschaft an die Sozialkraken überm Teich zu senden: So nicht. Gleichzeitig ist er aber klarsichtig genug zu erkennen, dass das für viele gar nicht möglich ist. Und dies nicht nur, weil der Arbeitgeber gern möchte, dass sein Mitarbeiter oder seine Mitarbeiterin im Web präsent ist. Sondern weil beispielsweise jedes Android-Handy einen zum Mitglied des Google-Stammes und jedes iPhone zu einem des Apple-Tribe macht. Tertium non datur, wie die Lateinerin sagt: Ein Drittes gibt es nicht, schade, Microsoft, dass Du die Alternative, die Dein Mobile immerhin darstellte, vom Markt genommen hast. Selbst, wenn es nicht so viele Apps dafür gab. Und das auch nur wieder wegen des schnöden Geldes.
Was ich an dem Buch besonders gut fand, ist, dass Lanier mit knappen Worten den KI-Mythos entlarvt. Ein Zitat: „Es ist völlig normal, einem Manager… dabei zuzuhören, wie er sich über die Möglichkeiten der kommenden Singularität auslässt, in der die KIs die Herrschaft übernehmen. … Das ist Schwachsinn. Wir vergessen dabei, dass KI eine Geschichte ist, die wir Kybernetiker vor langer Zeit erfunden haben, um an Forschungsgelder zu kommen… Damals war es eine Notlüge, aber inzwischen hat die KI sich selbständig gemacht und ihre Erfinder überholt. KI ist nur eine Phantasie, ein Märchen, das wir über unsere Programme erzählen.“ So isses, und viel mehr gibt es auch dazu nicht zu sagen. Zudem entwerteten KI-Verfechter menschliche Arbeit, sagt Lanier, indem sie menschliche geistige Leistung in Algorithmen eingeben und dann behaupten, der Algorithmus habe die intellektuellen Leistungen, die er abbildet, quasi selbst erarbeitet. Sein Beispiel sind Übersetzungsalgorithmen. Sie werden zwar immer beser – aber nur deshalb, weil sie täglich von den unzähligen Übersetzungen lernen, die menschliche Übersetzer leisten. Gerade da macht Microsoft übrigens leider überhaupt keine Ausnahme, Herr Lanier. Seine für Office 365 gelieferten Algorithmen zum Übersetzen dürften schon sehr bald die überwiegende Menge der Brot-und-Butter-Übersetzer, die ihr Geld mit im Wirtschaftsleben nützlichen Übersetzungsarbeiten verdienen, komplett arbeitslos machen.
Allerdings finde ich, dass Laniers Kritik auch anderswo zu kurz greift. Denn die Maßlosigkeit der Digitalgiganten ist eigentlich durch etwas anderes bestimmt als durch die Algorithmen: Durch die Idee, dass Größe und Gewinn mehr oder weniger der einzige Maßstab des Unternehmenserfolgs sind, dass Regulierung bäh ist, der Staat sich möglichst aus allem herauszuhalten habe, weil die Wirtschaft das dann schon selbst regelt und überhaupt das ganze neuliberale Blabla, mit dem wir in den vergangenen Jahrzehnten vom anderen Ufer des Teiches aus überschüttet wurden und das leider auch hier Früchte getragen hat. Erinnert sei an die oberpeinliche Werbekampagne eines Bankunternehmens, in dessen Zentrum schlicht das Wörtchen „ich“ stand (und das war keine Ausnahme).
Und auch Firmen wie Netflix (von Lanier als gutes Beispiel bezeichnet) schustern ihre Serien mit analytischen Mitteln zusammen – Ziel ist einzig, Anwender so lange wie möglich an der Glotze bzw. dem Bildschirm zu halten. Und Amazon hat sich schlicht vorgenommen, den Einzelhandel der Welt zu monopolisieren und gleichzeitig deren Ressourcen möglichst schnell zu verbrauchen, indem man nicht Verkauftes schlicht wegschmeißt, weil man sonst Umsatzsteuer dafür bezahlen müsste. Die pleitegegangenen Einzelhändler können ja dann zu Google-Auslieferungssklaven werden, ehe sie das selbstfahrende Googlecar auch noch überflüssig macht.
Kurz: Lesen und dran reiben. Lohnt sich.
Jaron Lanier: Zehn Gründe, warum du deine Social-Media-Accounts sofort löschen musst. Hoffmann & Campe-Verlag, München, 2018, gebunden, 204 Seiten, ISBN 978-3-455-00491-5