Gefräßige RZs, gefräßige Bitcoins, Bäume fürs Online-Buchen und ML gegen Klimawandel

RZ-Stopp in Amsterdam:

IT ist umweltfreundlich? Darüber lässt sich trefflich diskutieren, und nicht immer scheinen diese Diskussionen zu einem Ergebnis zu führen, das freundlich für die IT aussieht. So hat die Stadt Amsterdam nun einen Baustopp für neue RZs verfügt, wie das Fachmedium Datacenter Insider berichtet. Begründung: Die Techno-Boliden verschwenden zu viel Platz, wo man auch Wohnungen bauen könnte, sehen oft hässlich aus und bringen die Strombilanz der Stadt in Unordnung, weil sie extrem viel Elektrizität verbrauchen, sei dieser nun erneuerbar oder nicht. Die Mutige, die sich hier nach vorn wagt und den Blütenträumen einer in Grenzenlosigkeits-Phantasmagorien schwelgenden Branche einen Riegel vor die Nase setzt, heißt Marieke van Doorninck und ist für Nachhaltigkeit und Raumentwicklung zuständig. Die Entscheidung ist vorläufig, und ihre Aufhebung hängt davon ab, dass die Branche neue Anforderungen an die Nachhaltigkeit erfüllt.

Nachhaltige-IT meint dazu: Das ist zwar die erste europäische Maßnahme in dieser Art, es wird aber wohl nicht die letzte sein. Denn leider trägt die IT bisher sehr wenig zum Klimaschutz bei außer großen Floskeln. Vielleicht hilft dieser Schuss vor den Bug ja, die Gehirne der Verantwortlichen etwas stärker zum Rauchen zu bringen und andere Ideen zu produzieren als nur abstruse Wachstums- und Weltrettungsphantasien.

Und natürlich sollten auch die Verbraucher umdenken. Ist es wirklich nötig, jedes Mittagessen, jede Katze und jedes Treffen mit Freunden fotografisch festzuhalten und als Film oder Video ins Internet zu stellen? Vor allem, wenn man weiß, dass dabei mitnichten nur das Smartphone arbeitet, sondern gleich noch zig Rechenzentren. Man würde ja auch nicht im 20-Tonnen-Truck zum Einkaufen um die Ecke fahren. Wahrscheinlich wird nur helfen, Online-Services kostenpflichtig zu machen, und zwar im Verhältnis zu ihrem Gesamtenergieverbrauch, über eine Kohlendioxidsteuer zum Beispiel. Dass dies den Geschäftsmodellen von Instagram und Co in die Quere kommt – was solls. Die Erhaltung unserer Lebensgrundlagen und ausreichend Wohnraum auch in Ballungsgebieten sind auf jeden Fall wichtiger.

English Short Summary: Amsterdam stops new datacenter buildings for reasons of ecology and sustainability (Source: Datacenter Insider)


Gefräßige Bitcoin: In ganz ähnliche Richtung weist eine Pressemeldung der Technischen Universität München (Center for Energy Markets der TUM School of Management). Danach, so ermittelte eine in Joule veröffentlichte Studie verbraucht Bitcoin so viel Strom wie die Stadt Hamburg, Wien oder Las Vegas. 68 Prozent der Stromverbräuche finden in Asien statt, wo Mining-Farmen stehen, das Mining wird inzwischen von Spezialgeräten erledigt. Muss das wirklich sein, damit ein paar Leute irgendwo auf der Welt sich als Miner die Taschen füllen und andere mit Ransomware Leute erpressen? Naheliegenderweise fordert die Studie Regulierung.

English Summary: A study published in Joule calculated the energy use of bitcoin which is as bi gas that of the cities of Hamburg, Vienna or Las Vegas.

Intelligente Algorithmen: Und nun kommt gleich das Gegenteil, denn vielen, die mit IT arbeiten, ist ja die Umwelt nicht wirklich gleichgültig. So hat sich ein umfangreiches Forscherteam an die Arbeit gemacht und versucht herauszufinden, wie Algorithmen, die Maschinenlernen verwenden, dazu beitragen könnten, den Klimawandel zu bekämpfen. Damit ist sowohl die Verringerung des Treibhausgasausstoßes gemeint als auch die Verringerung von Auswirkungen der zu erwartenden (und bereits heftig stattfindenden) Klimaveränderungen.

Das Interessante an dem brandneuen und noch dazu frei erhältlichen Text ( https://arxiv.org/pdf/1906.05433.pdf) ist, dass er als Metastudie funktioniert, in die so ziemlich jede diesbezügliche wissenschaftliche Veröffentlichung gelesen und eingearbeitet wurde. Für sehr viele Themen gibt es Veröffentlichungen, die potentielle nützliche Einsatzmöglichkeiten von ML belegen. Der Text geht durch die Anwendungsgebiete durch und nennt jeweils die Zwecke und die ML-Algorithmentypen, die für sie laut den durchgearbeiteten Publikationen am besten taugen. Wer mehr wissen will, findet die Nachweise im mehrere Dutzend Seiten langen Literaturverzeichnis. Dieser Text ist auf jeden Fall hilfreich für die, die bei der Bekämpfung der Klimakrise die IT-Karte ziehen wollen. Beispiele wie der oben berichtete Baustopp für Rechenzentren deuten aber darauf hin, dass sich, wer sich vor allem auf IT verlässt, um die Umwelt zu schützen, am Ende durchaus auf einem Holzweg landen könnte. Diese Meldung habe ich übrigens (wie manche anderen in der letzten Zeit) von Niklas Jordan bekommen, der einen Blog und Newsletter u.a. zum Thema Green IT macht.

English Summary: A recent study disposable free of charge on the web lists scientific, economic and sociological areas where ML-algorithms are able to mitigate climate change or ist consequences and says how that is supposed to work. Source of topic: Newsletter Niklas Jordan.

Baumpflanzen per Reiseplattform: Die Plattform B`n`tree arbeitet mit den große Reisevermittlungsplattformen zusammen. Für jede Buchung wird ein Baum gepflanzt. Das ist schön, ändert aber nichts daran, dass das Fliegen und viele ferne Herumreisen ein wichtiger Grund ist, warum wir das Klima ruinieren. Deshalb bildet der Verkehrssektor ja jetzt auch einen wichtigen Zankapfel innerhalb der Klimaverhandlungen der Koalition, wie Kohlendioxid bepreist werden soll. Auf Anfrage teilte der Betreiber mit, man fände es besser, einen Baum für eine Buchung zu pflanzen als gar nichts zu machen. Das ist richtig.

Noch richtiger wäre es aber wohl, nicht nur mit Reiseplattformen, sondern auch mit Kompensationsplattformen zu kooperieren, sprich: mindestens einen Link zu diesen in die Seite einzubauen. Dafür zeigte sich der Betreiber aufgeschlossen, und ich bin gespannt, ob das innerhalb dieses Jahres noch stattfindet. Man mag es kaum glauben, aber bis vergangenes Jahr hat nur ein Prozent aller Flugreisenden wenigstens den „Klimaablass“ in Form von Kompensationszahlungen über Plattformen wie Atmosfair (www.atmosfair.com) geleistet. Erst gerade jetzt regt sich, wohl kräftig befeuert durch Fridays for Future, das schlechte Gewissen und mehr Leute bezahlen. Am Allerrichtigsten wäre es, sich gut zu überlegen, ob es wirklich ein Flug in ferne Gegenden sein muss, wenn man eigentlich nur seine Haut bräunen möchte. Das kann man nämlich auch klimaschonend am nächsten Baggersee.

English Summary: The platform B`n`tree cooperates with online travelling platforms. For each booking over it, the platform plants a tree. Unfortunately, there is no link to a carbon dioxide compensation service on the web page. The company has agreed that this would be a good idea and will hopefully realize it.

Sabattical: So, das wars für diesen Monat! Ein Tip für Fans: Nicht ärgern, aber auch nicht wundern – Nachhaltige IT macht Pause. Die Jahre am Schreibtisch als Freie fordern ihren Tribut und es gibt nun eine mehr als wohlverdiente Auszeit bis mindestens Ende Oktober, in der sich die Autorin ausruhen und über das Leben nachdenken will – ganz ohne Druck, an irgendwelchen digitalen Geräten die Fingerspitzen zu schwingen. Danach ist die Energie hoffentlich zurückgekehrt, und es geht mit neuem Elan ans Werk.

English Summary: nachhaltige-it takes a sabbatical until end of october. Stay tuned after that!


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