Im Dezember viele Hoffnungen auf eine grünere IT, aber auch viele offene Fragen

Am Ende des Jahres gab es nochmal ein Feuerwerk der guten Laune, was IT und das „grüne Thema“ anging. Nicht nur, dass mehrere internationale IT-Konferenzen die grüne Thematik nach ganz oben hoben. Beispiele sind die Rechenzentrumskonferenz Datacenter Dynamics Europa 2020 (Überblicksbericht hier oder der weltweite OCP-Summit (Berichte hier allgemein und hier zum Thema Immersionskühlung .
Auch in Deutschland wurde das Thema „Nachhaltige IT“ plötzlich regierungsrelevant und zum Motto des Digitalgipfels (Überblicksbericht hier). Dort treffen sich schon seit vielen Jahren die Obersten der Branche, Politik einschließlich Kanzlerin und Presse, um zu beschwören, dass Europa in Sachen IT endlich der Anschluss zur Weltspitze gelingen muss. Dieses Mantra wiederholt sich seit etwa 20 Jahren, und auch das Versprechen, dass Europa dank IT ganz schnell grün werden soll, ist immer wieder zu vernehmen, wurde aber bisher niemals eingehalten.

Der Druck steigt

Dennoch ist der Druck jetzt mächtig angestiegen – auf der einen Seite schieben die anspruchsvolleren Klimavereinbarungen der EU, auf der anderen die Anwender, die nun plötzlich von ihren Kolokateuren umweltfreundliches Verhalten verlangen, wie eine Studie von 451 Research im Aufrag von Schneider Electric belegt oder Städte wie Frankfurt, das nicht bereit ist, noch mehr Strom in Rechenzentren fließen zu lassen, weil die anderen auch noch etwas Saft brauchen. Oder Amsterdam, wo neue RZs jetzt Abwärmenutzung nachweisen müssen.
Dazu kommen neue Technologien, vor allem Künstliche Intelligenz und Maschinenlernen, samt leistungsfähigerer Prozessoren. Damit lassen sich Daten massenweise erheben und viel gründlicher analysieren als das bisher gelang. Hinweise, was sie nützen könnten, finden sich beispielsweise in einer aktuellen Studie von Cap Gemini.
Alles soll im Grunde mit allem vernetzt, dadurch jedes Fitzelchen Information geerntet, ausgewertet und dazu benutzt werden, Ineffizienzen und damit Energie- und Materialverschwendung aus allen möglichen Prozessen zu verbannen. Beispielsweise aus der Produktion, dem Verkehr, der Gebäudesteuerung und so weiter. Auch das berühmte Smart Grid wird ohne IT nicht funktionieren. Dazu wird versprochen, dass Tierwanderungen verfolgt, Verschmutzer dingfest gemacht und Wetterprognosen für die Landwirtschaft genauer gestaltet werden sollen.
Massenweiser IT-Einsatz als einziger Weg zur Nachhaltigkeit?
Alles zusammengenommen, sieht die Branche sich und die von ihr entwickelten Tools als die einzige Chance, Wirtschaft und Gesellschaft irgendwie nachhaltig zu machen. So verkündete der Branchenverband Bitkom, dass nach einer aktuellen Studie die IT, richtig eingesetzt, nahezu die Hälfte der nötigen Kohlendioxid-Reduktion schaffen werde.
Der Rest soll dadurch kommen, erklärte auf dem Digitalgipfel ein Verbandsverteter, dass alle Produkte und Dienstleistungen (digital abrufbare?) Informationen über ihre Klimawirkungen bekommen, und sich die Verbraucher ganz selbstverständlich die aussuchen, die weniger Kohlendioxid erzeugen. Aha. Das könnten sie auch heute schon, zum Beispiel im Bioladen. Sie tun es aber nicht, jedenfalls nicht mehrheitlich. Das erzeugt Zweifel an dieser Idee. Hoffentlich entpuppt sich die Vorstellung vom Allheilmittel IT nicht irgendwann als derselbe Irrtum wie der des Schreiners, der alles durch das Hereinhauen von Nägeln reparieren wollte, nur weil er zufällig einen Hammer hatte.
Die Politik jubelt also angesichts der potentiellen Chance, Wachstum und Ökologie dank Digitalisierung irgendwie unter einen Hut zu bringen, muss aber die Reboud-Effekte weltweit in den Griff kriegen. Man kann ja nicht von Ökonomien anderswo erwarten, dass sie das Wachstum einstellen, obwohl sie viel weniger pro Kopf verbrauchen und weniger Abfall erzeugen als wir (oder uns unseren abnehmen) und wir gleichzeitig weiter wachsen.
Wie das gelingen soll, ist noch unklar, aber immerhin scheint man langsam zu begreifen, dass die führenden Ökonomien hier auf die Nachholer Rücksicht nehmen müssen. Regulierung ist also notwendig, wahrscheinlich darf es davon eher etwas mehr sein, wenn wir ernsthaft vorankommen wollen. Und obenan steht dabei ein kontinuierlich steigender, happiger Kohlendioxidpreis auf alles und jedes, gekoppelt mit Kompensationszahlungen an die ärmeren Bevölkerungskreise. Der jetzige Preis (25 Euro ab 2021 pro Tonne) ist da bestenfalls ein kleiner Anfang. Sonst kann man das Thema getrost vergessen.

Und das Recycling?

Nach wie vor ungelöst bleibt die IT-Recyclingfrage, gerade, was die Funktionsmaterialien der IT angeht. Die sind oft in den Gerätschaften nur in Spuren vorhanden, und von Recycling kann man in Bezug auf sie nicht ernsthaft sprechen. Auf die während des Digitalgipfels gestellte Frage, wie es damit voranginge, wusste der derzeitige Chef von Zeiss in Jena, Herr Lamprecht, nur zu erwidern, es werde daran gearbeitet. Ob hierbei auch Erfolge zu verzeichnen sind, die über das Bisherige hinausgehen, sagte Lamprecht leider nichts, obwohl die Autorin per E-Mail nachhakte. Das geplante Recht auf Reparatur in der EU ist da ein kleiner Hoffnungsschimmer, denn die Müllberge wachsen dadurch langsamer. Das gibt den Wissenschaftlern Zeit, vielleicht doch noch ein paar schlaue Prozesse zu ersinnen, die das Recycling voranbringen.

Ansonsten kann man den Blick nur mit verdrehten Augen gen Himmel lenken, wo gläubige Geister schon immer Hoffnung und Inspiration suchen, teils auch ganz handfest. Wahrscheinlich sind das hektische Streben zu fernen Planeten und die erneute Besteigung unseres Trabanten ( ) auch darauf zurückzuführen, dass man hofft, auf diese Weise die zumindest mittel- bis langfristig lückenhaften Vorräte aufzufüllen. Das würde dann allerdings ziemlich teuer.
Wie dem auch sei: Ich wünsche allen, die ab und zu einen Blick in Nachhaltige IT werfen, ein frohes Fest und ein ebensolches Neues Jahr mit Impfung und ohne COVID-19 und hoffe, dass sie sich auch durch das derzeit etwas abgetakelte Design des Blogs nicht vom Nachlesen abhalten lassen. Denn das Thema Nachhaltige IT ist relevanter denn je.

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