Kritik an der Informationstechnik zu üben, ist derzeit in. Allerdings geht dabei kaum jemand so profund und philosophisch zu Werke wie Evgeny Morozov. Der Autor, dessen erstes Buch „The digital Delusion“ sich mit dem überschätzten Einfluss sozialer Medien auf politische Prozesse und Umwänzungen befasste, stellt in diesem Buch die Grundlagen der heutigen IT-Philosophie in Frage.
Dabei wendet er sich gegen zwei von ihm verortete „ismen“: Den Internetzentrismus und den Solutionismus. Unter Internetzentrismus versteht der Autor die von der IT-Branche erzeugte Illusion, das Internet entfalte sich nicht etwa in seiner existierenden Form, weil dies politisch und technisch so entschieden wurde (was bedeuten würde, dass man es genau so gut hätte anders gestalten können und in Zukunft wird anders gestalten können). Sondern dass es vielmehr inhärenten, gewissermaßen naturgesetzlichen Eigenheiten folge, auf die nicht nur Anwender, sondern auch Entwickler und die Politik im Grunde keinen Einfluss haben. Einem so übermächtig verstandenen Internet könne sich die Gesellschaft nur anpassen, was aber in Wirklichkeit die Anpassung der großen Mehrheit der Menschen an die gut hinter angeblichen Eigengesetzlichkeiten verborgenen Interessen einiger weniger Branchen bedeute.
Stattdessen plädiert Morozev dafür, das Internet an sich als Gestaltungsraum zu betrachten. Nicht nur Content, sondern auch sein Funktionieren, seine Weiterentwicklung und seine Nutzungsregeln seien mitnichten quasi eigengesetzlich vorgegeben, schon gar nicht von gewissermaßen zwingenden inhärenten Eigenschaften dieser Technik selbst.
Seine zweite Kritik richtet sich gegen den Solutionismus, worunter er das Bestreben versteht, alle möglichen Probleme des sozialen Lebens durch technologische Maßnahmen in eine – zumindest von den Architekten dieser Maßnahmen erwünschte – Richtung zu lenken und letztlich möglichst perfekt zu „lösen“. In diese Rubrik fallen auch alle jene Bestrebungen, mit Hilfe immer intensiverer Datenerhebungen (Big Data) noch das letzte Vermarktungspotential aus den einzelnen potentiellen Kunden herauszuquetschen oder Risiken beim Geschäftsabschluss gegen Null zu bringen, indem man potentiell unprofitable Kunden erst gar nicht mit dem Produkt, etwa einer Versicherung, bedient.
Auch die Politik ist von derartigem Denken nicht gefeit – wer Bürger darauf dressiere, dass jedes halbwegs sinnvolle bürgerschaftliche Verhalten mit Sternchen, Pünktchen oder Digital-Blümchen belohnt wird wie das Gamifizierungs-Ansätze teilweise vorsehen, müsse sich nicht wundern, wenn der so dressierte Staatsbewohner bald gar nichts mehr einfach so, aus innerem Antrieb tue, was nicht nur ihm oder ihr selbst nutzt. Wer mit Hilfe digitaler Tools die Umgebung gewissermaßen lückenlos regle, müsse am Ende damit rechnen, dass alle sozialen Instinkte entfallen, sobald eine Lücke in der Regelungsdichte auftritt. Schließlich funktioniere soziales Verhalten bisher durch Erziehung und sozialen Umgang und sei wie mangelhaft auch immer in den meisten Individuen dauerhaft verankert, weshalb Menschen auch ohne „Gewinn“, Preis“ oder „Strafe“ für die Gesamtheit nützliche Dinge täten. Dies, das bestreitet Morazev nicht, widerspreche zwar dem Ideal des Homo Oeconomicus, das aber Morazev wie inzwischen viele als ohnehin zu eindimensional ablehnt. Statt etwas endgültig mit wissenschaftlichen oder pseudo-wissenschaftlichen Methoden zu „lösen“, gelte es bei vielen Themen, die sich darum rankenden gesellschaftlichen immer wieder auszufechten. Dies ist nach Meinung des Autors auf immer unvermeidlich, solange man nicht alle Menschen in einer Gesellschaft komplett gleichschaltet. Seien doch Diskurs, Konflikt und das mühselige Herantasten an eine Lösung inklusive ihrer immer wieder erfolgenden Veränderung nach erneuten Diskursen gerade das, was demokratische Gemeinwesen ausmache und ausmachen müsse.
Ins Gericht geht der Autor schließlich auch mit den digitalen Methoden völliger Selbstentblößung, wie sie in sozialen Medien geschieht, und mit der damit allzu häufig verbundenen Forderung nach „Authentizität“. In verschiedenen Sektoren seines Lebens verschiedene Rollen spielen zu können und zu dürfen, nicht jedem alles und jederzeit mitzuteilen, sei nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für Politik und eine freie Gesellschaft unabdingbar – ganz abgesehen von den gigantischen Mengen an Belanglosigkeiten, für die heute Elektrizität und Speicherplatz verschwendet werden.
Morazev präsentiert sich bei allen Vorbehalten nicht als ein Techno-Kritiker, der am liebsten bei Wasser, Brot und keinem Strom zurück in den Urwald will. Technologie sei durchaus für den Fortbestand der heutigen menschlichen Zivilisation unvermeidlich. Es komme aber darauf an, unter welchen Prämissen, wie und von wem sie gestaltet werde. Hier plädiert er dafür, sich von der Vorstellung, eine Technologie müsse jedes Problem so lösen, dass das Problem für den Anwender gewissermaßen unsichtbar wird (aber möglicherweise durchaus noch immer existiert), zu verabschieden. Technologie müsse in ihrer Gestaltung vielmehr so aussehen, dass sie gesellschaftliche Denkpotentiale aktiviere, mithin tiefgehendes Nachdenken über die Natur von Problemen, den zugrundeliegenden Paradigmen und damit gesellschaftliche Lösungsansätze fördere.
Dafür nennt der Autor als Beispiel die Klimadebatte: Lösungen, die dem Anwender eines Smart Meters in einer westlichen Großstadt vormachten, etwa durch schicke Vergleiche mit einer Durchschnitts-Verbrauchskurve, wenn er nur gleich viel oder etwas weniger Strom wie der durchschnittliche Stadtbewohner verbrauche, habe er seinen Teil zur Lösung des Problems bereits beigetragen, führen seiner Meinung nach am Problem vorbei.
Vielmehr brauche man „widerständige“ oder „reibungsreiche“ Technik. Als Beispiel berichtet er über ein System, bei dem Pflanzen (also CO2-Speicher) über Sensoren und Kabel mit stromverbrauchenden Geräten verbunden sind. Verbraucht der Anwender mehr Strom als seine Pflanzen gleichzeitig CO2 aufnehmen können, führt das nach den einprogrammierten Algorithmen nach einer Weile zum Tod der jeweiligen Pflanzen. Durch solche Systeme werde das eigentliche Problem nicht vor dem Anwender verschleiert, sondern ihm erst in aller Deutlichkeit bewusst gemacht. Derzeit entstehen solche Lösungen allerdings vor allem in Designkursen und an Kunsthochschulen, und ob man selbst erwägen würde, sich ein solches System im Zimmer zu installieren, mag dahingestellt bleiben.
Jedenfalls führt die Lektüre von „Smarte neue Welt“ dazu, dass man mit einigen der digitalen Segnungen der Jetztzeit etwas weniger selbstverständlich umgeht und in Alternativen zum Bestehenden denkt. Bestes Beispiel dafür, dass man sich auch vom Glauben an die Eigengesetzlichkeit des Internet lösen kann, ist die jüngst publizierte Internet-Grundrechtscharta, die sich soeben Brasilien gegeben hat. Sie macht Schluss damit, unbegrenzten Datenzugriff oder mangelhaften Datenschutz als Unvermeidlichkeiten hinzunehmen und fordert statt dessen, dass die Technologie des Internet so gestaltet wird, dass sie mühseig errungene bürgerliche Freiheiten nicht per Knopfdruck zunichte macht. Es wird spannend, ob der brasilianische Angang tatsächlich Erfolg zeitigt. Wenn ja, wäre das sowohl ein Beleg für die Stimmigkeit von Morazevs Ideen als auch ein Hoffnungsschimmer für die sogenannten bürgerlichen Werte – im Endeffekt ein Resultat der britischen Magna Charta und der französischen Revolution. Beides hat zu viele Opfer gekostet, als dass man ihre Ergebnisse einfach so wieder aufgeben sollte. Schließlich sind wir noch immer damit beschäftigt, Werte wie Freiheit (des Menschen, nicht des Internet) und Gleichheit, Diskurs und Demokratie auf der Welt zu etablieren.

Bibliographie: Evgeny Morozov: Smarte neue Welt. Digitale Technik und die Freiheit des Menschen. Gebunden, 655 Seiten, Vlessing-Verlag, München, 2013. ISBN 978-3-89667-476-0, 24,99 Euro.

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